Ein leuchtendes, türkis-blaues Band vor der Küste Australiens – das Great Barrier Reef ist der einzige lebende Organismus, der aus dem All mit bloßem Auge zu erkennen ist. Geschätzt eine Million Tier- und Pflanzenarten leben dort, Touristen lieben das Riff für seine Farbenpracht. Wegen seiner Artenvielfalt und Einzigartigkeit verlieh die Unesco ihm 1981 den Status als Weltnaturerbe – ein Titel, der jetzt durch Klimawandel und Industrialisierung in Gefahr ist.

Wenn das Welterbe-Komitee im Juni in Bonn tage, könne das Great Barrier Reef seinen Weltnaturerbe-Status verlieren, meint der Word Wildlife Fund (WWF) in einer Stellungnahme. In den vergangenen Jahren hatte das Unesco-Komitee die australische Regierung unmissverständlich aufgefordert, für einen besseren Schutz des Riffs zu sorgen. Doch die Geduld der Kommission wird strapaziert: Statt das Naturerbe zu schützen, droht die Regierung, die Situation durch den Ausbau mehrerer Häfen noch zu verschärfen.

Die konservative Regierung forciert den Abbau von Rohstoffen in der Region, insbesondere die Kohleförderung. Ein halbes Dutzend "Mega-Häfen" soll aus diesem Grund entstehen – entlang der Küste, an der sich das Riff über 2.600 Kilometer erstreckt. Insgesamt, so schätzen Lokalpolitiker, könnten bei den Projekten rund 90 Millionen Kubikmeter Baggerschlamm im Meer entsorgt werden. "Das wäre die billigste Variante", meint Felicity Wishart von der australischen Gesellschaft für die Erhaltung der Meere in Brisbane, "denn eine Schlammentsorgung an Land würde deutlich höhere Kosten verursachen". Die Sedimente, so die Befürchtung von Umweltschützern, könnten die Korallen im Riff überdecken und ersticken.

Noch ist unklar, ob der Schlamm tatsächlich im Meer oder an Land entsorgt wird. Doch bereits heute verursacht der starke Seeverkehr in der Region Schäden im Great Barrier Reef. David Karoly, Geowissenschaftler an der Universität von Melbourne, konstatiert negative Auswirkungen für Korallen, Schildkröten und Fischbestände: "Frachter bleiben nicht immer in der zugewiesenen Fahrrinne und kollidieren mit dem Riff. Reger Schiffsverkehr verunreinigt das Meer zudem mit Abwässern und Altöl."

Der Klimawandel setzt dem Riff längst zu

Brad Fish, Vorstandsvorsitzender des Hafenbetreibers North Queensland Bulk Ports, meint, die Bedenken von Umweltschützern würden von der Unesco überbewertet. Doch auch von der australischen Bevölkerung wurden die anvisierten Erweiterungen der Häfen zuletzt überwiegend abgelehnt. Das Thema galt als einer der Gründe für die Abwahl der konservativen Regierung von Ministerpräsident Campbell Newman im Bundeststaat Queensland zu Jahresbeginn.

Auch Australiens führende Wissenschaftsorganisation, die Academy of Science, kritisiert die Pläne der Regierung: Im Reef 2050 Long-Term Sustainability Plan würden wesentliche Stressfaktoren für das Riff wie Klimawandel, schlechtere Wasserqualität, Küstenbebauung und Überfischung ausgeklammert. In der Tat ist das Great Barrier Reef auch ohne den Ausbau der Häfen bereits bedroht.

Seit Jahren beobachten Wissenschaftler das Ausbleichen und Sterben von Korallen im Riff. Ein Ursache: "Der Südpazifik hat sich besonders in den letzten 30 Jahren deutlich erwärmt", sagt Geowissenschaftler David Karoly, "der Kohlendioxid-Gehalt im Ozean wie auch in der Atmosphäre ist unaufhaltsam gestiegen". Im Jahr 2013 konnten Meereswissenschaftler der Universität von Queensland belegen, dass sich Korallen rasch auflösen, wenn Ozeane wärmer und säurehaltiger werden (Poloczanska et al 2013). Karoly erwartet bis 2030 "ein temporäres Ausbleichen aller Korallen des Great Barrier Reef".

Eine dauerhafte Erwärmung von mehr als zwei Grad Celsius "werden die Korallen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht überleben", sagt Mojib Latif, Klimawissenschaftler am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. "Die Meeresversauerung ist ein weiterer Stressfaktor. Diese und andere Faktoren, zum Beispiel Verschmutzung, können dazu führen, dass Korallen auch bei geringer Erwärmung sterben."