Von Rousseau wissen wir, dass die Natur es dem Menschen irgendwann heimzahlt. Bisher dachten wir ja immer, dass er den Marder gemeint hat, der uns die Bremskabel zerbeißt, oder den Waschbär, der uns die Garage verwüstet, oder die Krähe, die uns auslacht und vermutlich insgeheim die Lösung für sämtliche Premiumprobleme aus Wirtschaft und Politik kennt, aber uns nichts sagt, weil wir ihr zu doof sind.

All das bringt uns nun nach Wildeshausen. Wildeshausen, das müssen wir kurz sagen, ist leider für nichts berühmt. Doch in der niedersächsischen Stadt geht in diesen Tagen ein echter Wolf um, der die deutsche Presse in Aufruhr bringt. Und erst recht die Anwohner und die Landwirte, die in ihrer nutzbewaldeten und zierbepflanzten Wildnis wieder Manschetten kriegen.

Im nicht weit entfernten, gemütsruhigen Landkreis Wesermarsch wünscht man sich schon zum "Thema Wolf einen sachlichen Diskurs", während der Wildeshausener Wolf, so heißt es aus zuverlässigen Quellen, auf dem Weg nach Cloppenburg ist. Und Niedersachsen teilt sich unterdessen in Wolfgegner und Wolfversteher, was man bislang lediglich im Hinblick auf den VfL aus Wolfsburg kannte, wo übrigens noch kein echter Wolf gesichtet wurde, was auch an den Autos liegen könnte, die des Wolfes Wolf sind. Mitglieder der Grünen haben deswegen schon über Schutzmaßnahmen nachgedacht, mindestens an Schilder, doch womöglich könnten Wölfe künftig auch mit Helmen und Warnwesten ausgestattet werden, wie unter naturbewusst gestimmten Verkehrsteilnehmern üblich.

Das gilt auch für Sachsen, wo der Tann noch dunkel und die Au noch schön ist, und besonders für Bayern, das offiziell als "Wolferwartungsland" gilt, und wer von Wildeshausen spricht, darf von Unterdietfurt nicht schweigen. Auch in Niederbayern nagelt der Bauer mittlerweile den Schuppen zu, auch dort zittert die Kuh seit Wochen vor Angst und will nachts mit ins Bett. Von einem "Wolfsmanagementplan" sei schon die Rede und die Geistesfachzeitschrift Cicero rätselte kürzlich über eine "gefährliche Willkommenskultur", mit der Deutschland die Wölfe aus dem Osten empfange.

Seitdem wir das gelesen haben, warten wir auf den ARD-Brennpunkt mit den Wolfgängen Thierse und Bosbach, und hinterher kommt vielleicht der Jauch als Rotkäppchen, der mit seinen sieben Geißlein das Thema besorgt verhandelt: Mit Buschkowsky und Özdemir, Jörges und Kornblum, Bolz und Kelle und natürlich Jens Spahn, der sogleich nach dem Qualifikationsgrad der neuen Zuwanderer fragen könnte, weil man sich das inzwischen so angewöhnt hat, da auch das Unterholz keine "soziale Hängematte" ist. Und wenn das so weitergeht, brüllen auf Dresdener Straßen schon bald wieder die Asphaltdeutschen: "Wir sind kein Wolf", als wollten sie Thomas Hobbes gleich mit widerlegen, falls sie ihn denn kennen. Kurzum: Deutschland verwildert. Dafür kann der Wolf recht wenig.