Bestimmte Pflanzenschutzmittel wirken laut einer britischen Studie auf Bienen und Hummeln wie Nikotin auf Menschen. Demnach meiden Insekten mit Neonicotinoiden behandelte Pflanzen nicht etwa, sondern steuern sie wohl sogar bevorzugt an (Kessler, Tiedeken et al., 2015). Beim Sammeln von Nektar und Pollen könnten sie deshalb mehr von den Schadstoffen aufnehmen als bisher angenommen, schreiben Forscher aus Großbritannien und Irland im Fachblatt Nature. In einer zweiten Studie fanden schwedische Wissenschaftler heraus, dass die Mittel Wachstum und Vermehrung von Wildbienen und Hummeln beeinträchtigen können (Rundlöf et al., 2015).

"Neonicotinoide steuern im Nervensystem von Bienen die gleichen Mechanismen an wie Nikotin im Gehirn von Menschen", sagt die Insektenforscherin Geraldine Wright vom Institut für Neurowissenschaft der Newcastle University. Dass die Bienen eine Vorliebe für Neonicotinoid-belastete Nahrung haben, sei besorgniserregend. "Es lässt vermuten, dass die Neonicotinoide ähnlich wie Nikotin als Droge wirken und solche Nahrung besonders belohnend wirkt."

Die Forscher folgern, es reiche nicht aus, um Felder herum einen Streifen mit Futteralternativen für die Bienen zu pflanzen. Die Einschränkung der Neonicotinoid-Verwendung sei womöglich der einzige Weg, den Rückgang der Populationen aufzuhalten. Risiken und Nutzen dieser Insektizide müssten genau abgewogen und Alternativen sorgfältig geprüft werden, heißt es in einem Kommentar zu den Ergebnissen.

Gegenwärtig gibt es ein EU-weites Moratorium für die drei verbreitetsten Neonicotinoide, das ihre Anwendung zunächst bis Ende des Jahres stark einschränkt. Es handelt sich um synthetisch hergestellte Wirkstoffe, die zur Bekämpfung von Pflanzenschädlingen eingesetzt werden. Wird das Saatgut damit behandelt, verteilen sich die Mittel beim Wachstum auf die gesamte Pflanze, sind also später auch im Pollen und Nektar zu finden.


In der Vergangenheit lieferten mehrere Studien Hinweise darauf, dass die Mittel die Bienen beeinträchtigen, zum Beispiel indem sie ihr Lernvermögen und ihre Orientierungsfähigkeit stören. Die Neonicotinoide könnten damit auch zum gegenwärtig beobachteten Bienensterben beitragen.

Diese Befürchtungen waren Anlass für das Moratorium, das am 1. Dezember 2013 in Kraft trat. Die Anwendung der Neonicotinoide Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin wurde damit vorübergehend stark eingeschränkt, um in weiteren wissenschaftlichen Studien das Gefährdungspotenzial genauer zu prüfen. Kritiker des Moratoriums führten unter anderem an, dass in Laborstudien zu hohe Konzentrationen der Neonicotinoide eingesetzt wurden und dass die Bienen im Freiland vermutlich auf andere Pflanzen auswichen.

Bienen ziehen geschmackslose Pestizide purer Zuckerlösung vor

Diese Annahme prüften nun die Forscher um Wright und Uni-Kollege Sébastien Kessler. Sie boten Hummeln und Honigbienen eine reine Zuckerlösung und eine mit Neonicotinoiden versetzte als Nahrung an. Die Wirkstoff-Konzentration lag dabei in Höhe der im Freiland in Nektar und Pollen zu findenden.

Die Insekten mieden die Wirkstoffe in den Versuchen nicht, fanden die Forscher heraus. Im Gegenteil: Zwei der drei in den Zuckerlösungen eingesetzten Neonicotinoide waren offenbar besonders attraktiv für die Bienen. Sie tranken davon lieber als von der puren Zuckerlösung. In einer ergänzenden Analyse zeigten die Forscher, dass die Bienen die Neonicotinoide nicht schmecken können, die Bevorzugung also eine andere Ursache haben muss.