Das weltweit am meisten eingesetzte Herbizid Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend. Mit dieser Aussage hatte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) bereits im März für Aufsehen gesorgt. Nun liegen umfassende Belege für die Bewertung vor. In einer 92 Seiten umfassenden Monografie veröffentlichte die IARC Grundlagen zum Pflanzenschutzmittel, sie gibt einen Überblick über relevante Studien und liefert darauf basierend eine Einschätzung. So hatte es die Weltgesundheitsorganisation WHO in Auftrag gegeben.

Mehr als 200 Studien sind in die Bewertung eingeflossen. Die Zusammenfassung ist knapp gehalten: Es gebe derzeit nur "begrenzt Beweise" dafür, dass Glyphosat die Bildung von Krebs im menschlichen Körper fördert. Ein positiver Zusammenhang sei für das Non-Hodgkin-Lymphom beobachtet worden. Tierversuche hätten derweil "ausreichend Beweise" für die Karzinogenität der Substanz geliefert. In der Summe: Glyphosat ist "wahrscheinlich krebserregend für Menschen".

Die genauen Unterschiede in der Studiengrundlage und deren Bewertung werden die für die Bewilligung zuständigen Behörden und der Saatgutkonzern Monsanto in den nächsten Tagen intensiv beschäftigen. Bedeutsam scheinen nach erster Prüfung eine umfassende epidemiologische Studie aus den USA und Kanada sowie weitere Kontrolluntersuchungen – und was die Autoren daraus abgeleitet haben. Die Untersuchungen hatten laut den Krebsforschern den Verdacht erhärtet, dass Glyphosat eine genotoxische Wirkung haben und dadurch bereits in geringsten Mengen krebserzeugende Mechanismen auslösen kann. Es habe sich außerdem gezeigt, dass Glyphosat oxidativen Stress auslösen kann – eine Belastung, die unter anderem in Fischen und anderen Lebewesen im Wasser nachgewiesen wurde.

Der Gesamtbefund der IARC widerspricht der Einschätzung des deutschen Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR). Dieses hatte der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA empfohlen, die Zulassung von Glyphosat in der EU für die nächsten zehn Jahre zu verlängern. Das europäische Wiederzulassungsverfahren verzögert sich nun, da die EFSA die heute erschienene Monografie in ihrem Entscheid berücksichtigen will. Die Zulassung von Glyphosat, und folglich auch die aller Glyphosat-haltiger Pflanzenschutzmittel, läuft Ende des Jahres aus. Es wird daher bereits eine Verlängerung der aktuellen Zulassung um ein halbes Jahr diskutiert. Umso gespannter haben Unternehmen, Politiker, Forscher und Umweltverbände die umfassende Meta-Analyse der Krebsforschungsagentur erwartet.

"Die Umwelt- und  Gesundheitsbilanz von Glyphosat wird zunehmend kritisch bewertet. Es gefährdet die menschliche Gesundheit und hat direkte und indirekte Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Daher wird es höchste Zeit, dass die Bundesregierung das Vorsorgeprinzip ernst nimmt und die Zulassung für Glyphosat bis zur Klärung offener Fragen aussetzt", kommentiert Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller die Analyse.

Die Glyphosate Task Force (GTF) sieht in der Monografie derweil "wenig bis keine praktische Relevanz für die Bewertung möglicher Risiken" als Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft. Die GTF, ein Zusammenschluss von Monsanto Europa, Syngenta und anderen wichtigen Agrarchemie-Unternehmen, hatte den Antrag für die Wiederzulassung von Glyphosat in Europa gestellt.

Schon im Voraus kündigte Monsanto "externe Prüfung" an

Grund für die unterschiedliche Einstufung sei gemäß GTF die Herangehensweise der IARC. Die Aufgabe der Agentur habe darin bestanden, mögliche Gefahren zu identifizieren. Nicht, wie sie selbst in der Präambel hinweist, eine Risikobewertung: "Die Unterscheidung zwischen Gefahr und Risiko ist entscheidend, und die Monografen ermitteln Krebsgefahren auch dann, wenn bei der aktuellen Exposition die Risiken sehr gering sind, da künftige Nutzung oder unvorhersehbare Exposition Risiken hervorrufen könnten, die bedeutend höher sind", heißt es. Monsanto kündigte daher bereits im Voraus an, die Monografie einer "externen Prüfung" zu unterziehen.

Derzeit werden pro Jahr weltweit mehr als 700.000 Tonnen Glyphosat versprüht. In Deutschland bringen Landwirte rund 6.000 Tonnen aus, wobei 39 Prozent aller Ackerflächen behandelt werden. Auch im Hobbygarten und auf öffentlichen Wegen wird das Gift gespritzt, um sich das Hacken des Unkrauts zu ersparen. Neben den direkten toxischen Effekten gefährdet die Wirkung als Breitbandherbizid auch zahlreiche andere Organismen, denn durch die Vernichtung der Wildkrautflora gehen Nahrungsquellen und Lebensräume verloren.