In Deutschland bricht die vertrocknete Erde auf, von Ernteausfällen ist die Rede, und dann der Schiffsverkehr: mancherorts wegen Niedrigwasser eingestellt. "In Südhessen, Teilen von Nordbayern, Sachsen bis ins südliche Brandenburg ist der Boden so trocken wie seit 50 Jahren nicht", twitterte der Deutsche Wetterdienst am Montag. Und die Nachrichtenagenturen tickern von einem Sahara-Sommer. Die Meldungen über die Dürre in Deutschland scheinen besorgniserregend. Aber erleben wir derzeit wirklich ein Jahrhundertereignis, das uns beunruhigen sollte? Oder ist es einfach nur heiß und trocken weil eben Sommer ist?

"Je nachdem welche Region man zu welchem Zeitpunkt betrachtet, findet sich sicherlich jedes Jahr irgendein Rekord", sagt Udo Busch, Agrarmeteorologe beim Deutschen Wetterdienst. "Allerdings sind es in Hessen, Bayern, Sachsen und Brandenburg schon große Gebiete, die so trocken sind wie nie zuvor im Sommer. Das ist etwas Besonderes."

Auch Matthias Zink, Hydrologe am Zentrum für Umweltforschung (UFZ), spricht von einem "seltenen Ereignis". Zink hat gemeinsam mit Kollegen den Dürremonitor entwickelt, ein Programm, das aus gemessenen Niederschlagswerten errechnet, wie feucht der Boden im Bundesgebiet derzeit ist. Und nass ist es vielerorts nun wirklich nicht.

Aktueller Dürremonitor für Deutschland: Gelbe Flächen sind ungewöhnlich trockene Gebiete, hellorange bedeutet moderate Dürre, orange steht für schwere Dürre, rot signalisiert extreme Dürre und dunkelrot außergewöhnliche Dürre.

Auf einer Deutschlandkarte zeigt der Monitor an, inwiefern die aktuelle Situation von den vergangenen 60 Jahren abweicht: Gelb steht für ungewöhnlich trocken, orange für schwere, dunkelrot für außergewöhnliche Dürre. Vor allem in Süddeutschland aber auch an einigen Stellen in Niedersachsen oder Sachsen zeigt die Karte derzeit dunkelrot. Das bedeute, dass es in diesen Regionen in den sechs Jahrzehnten nur rund einmal in den ersten Augusttagen so trocken war, sagt Zink.

Ab wann man überhaupt von einer Dürre spricht, ist Definitionsfrage. Der Monitor des Zentrums für Umweltforschung etwa zeigt eine moderate Dürre an, wenn die Erde im Vergleichszeitraum in weniger als 20 Prozent der Fälle so trocken war wie jetzt. "Dürre bedeutet erst mal eine Abweichung vom Normalen. Wie schwer ein Dürreereignis ist, hängt davon ab, wie trocken der Boden ist, aber auch davon wie lange die Trockenheit anhält und wie großflächig sie auftritt", sagt Zink. Sollte es ab sofort im August nur noch regnen, wäre unterm Strich auch von keiner Dürre mehr die Rede.

Mais bereitet Sorge, Getreide kommt zurecht

Auch ist 2015 bisher nicht das trockenste Jahr der vergangenen Jahrzehnte. "Das laufende Jahr 2015 ist im bundesweiten Gebietsmittel mit 382 Millimetern Regen pro Quadratmeter zwar trocken, aber das laufende Jahr 2003 war mit 337 Millimetern das trockenste der letzten 50 Jahre", sagt Agrarmeteorologe Busch. Die Sommermonate 2015 seien jedoch regional extremer.

Auch die Landwirte können bislang nur schätzen, wie stark sich die Dürre auf die Ernteerträge dieses Jahres auswirken wird. Die genossenschaftlich organisierten Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Baden befürchten einen Ertragsrückgang von 40 bis 50 Prozent bei der Maisernte. An einigen Standorten sei sogar mit einem Totalausfall zu rechnen. Ist der Mais einmal verbrannt, hilft es auch nichts, wenn es bis zur Ernte im Oktober noch kräftig regnet.

Kurz erklärt - Wie trocken ist Deutschland?

Etwas weniger dramatisch scheint die Lage bei der Getreideernte zu sein. "Kurz vor der Ernte ist Trockenheit beim Getreide kein Problem", sagt Michael Lohse, Pressesprecher des Deutschen Bauernverbands. Die Pflanzen haben sich im wenig sommerlichen Mai gut entwickelt, von zu viel Trockenheit war vor drei Monaten wenig zu spüren. "Es gibt nicht umsonst die Bauernregel: Mai kühl und nass füllt dem Bauern Scheun' und Fass."

Der Verband schätzt dennoch, dass die deutschen Bauern bundesweit mindestens 10 Prozent weniger Getreide ernten werden als 2014. Die großen Anbauflächen im Norden Deutschlands hätten genug Regen abbekommen und würden die teils schlechteren Erträge aus den trockenen Regionen ausgleichen, sagt Lohse.