Zwei Helfer sammeln massenweise Kadaver aus der Peene auf. Urlauber hatten das Fischsterben entdeckt. © privat

Tausende Fische sterben seit Tagen in Mecklenburg Vorpommern. Auf einem mehrere Kilometer langen Abschnitt des Flusses Peene ersticken Hechte, Barsche, Zander und viele andere Fischarten im Wasser. Einige Experten sprechen von einer Umweltkatastrophe, Lokalmedien berichten über ratlose Behörden, die nach dem Grund für das Sterben suchten. Erst jetzt, Tage nachdem die ersten Fischkadaver auf der Wasseroberfläche trieben, wird deutlich, welche Folgen die Verschmutzung hat.

Mittlerweile steht fest: Nicht etwa eine Krankheit hat die Tiere getötet. Sie wurden vergiftet. Aus einer defekten Rohrleitung einer Zuckerfabrik nahe der Stadt Anklam am Peeneufer ist verdünntes Bioethanol ausgetreten und in den Fluss gelaufen. Eine Million Liter dieses Gemischs aus Alkohol (20 Prozent) und Wasser soll seit dem 29. August bis zum 1. September aus der Fabrik ausgetreten und in den Fluss geflossen sein. Das ergaben Recherchen des NDR. Bioethanol ist ein Alkohol, der aus Biomasse hergestellt und etwa als Kraftstoff eingesetzt wird. In diesem Fall war er in der Fabrik aus Zucker gewonnen wurden. 

Anwohner beobachteten an der Wasseroberfläche tagelang immer wieder zappelnde, nach Luft ringende Fische – und zwar noch bis zu sechs Kilometer von der Eintrittsstelle entfernt. Aufgefallen war das Unglück, weil Urlauber die örtliche Verwaltung darüber informierten, dass im Schilf zahlreiche tote Fische verwesten.

Urlauber entdeckten die toten Fische

Die Tiere sind nicht an einer Überdosis Alkohol gestorben, da ist sich Ökophysiologe Werner Kloas vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei sicher. "Bis zu einer Konzentration von 0,5 Prozent halten es Fische aus, in Alkohol zu schwimmen", sagt er. "Eine Konzentration von einem Prozent ist dagegen toxisch. Denn Fische können den Alkohol nicht abbauen." Zwar seien große Mengen 20-prozentigen Ethanols in den Fluss gelangt, durch die Strömung verdünne sich der jedoch sehr schnell. Höchstens an der Eintrittsstelle läge die Konzentration über einem Prozent.

Was die Fische aber tötet, ist der Sauerstoffmangel im Wasser, der mit dem Abbau des Ethanols einhergeht. Im Wasser zersetzen ihn Bakterien zu Kohlendioxid und Wasser. Dieser Prozess entzieht dem Fluss Sauerstoff. Die Folge: Fische und andere Wassertiere, die auf Sauerstoff angewiesen sind, sterben. Wann sich die Peene davon wieder erholt, sei noch unklar, sagt Harald Stegemann. Er ist Direktor des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern.

Unfall oder Straftat – die Ursache ist mysteriös

Wie es zu dem Austritt des Bioethanols kam, ist bisher ungeklärt. Die örtliche Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Leitung der Zuckerfabrik vermutete nach Informationen des Nordkuriers zunächst, es habe ein Leck gegeben, das tagelang unentdeckt blieb und sprach von Sabotage. Dagegen spricht, dass es bei einer Überprüfung der Anlagen durch den Zoll (Bioethanol ist ein steuerpflichtiger Alkohol) keine Auffälligkeiten gegeben hatte. Zudem fehlt aus dem Bioethanol-Lager nahe der Fabrik seit der Verschmutzung des Flusses keine Flüssigkeit. 

Nach einem Bericht des NDR kann sich der Geschäftsführer des Unternehmens inzwischen selbst nicht mehr erklären, wie Bioethanol aus seiner Firma in die Peene gelangt sein soll. Es gäbe auf dem Gelände keine weitere Möglichkeit, die als Quelle für die Chemikalie in Frage käme, sagte er dem Sender.