US-Präsident Barack Obama bei einer Klimakonferenz in Anchorage, Alaska ©Andrew Harnick/AP

Als Barack Obama an diesem Montag in Anchorage aus der Air Force One stieg, war er der erste amtierende US-Präsident, der Alaska besucht, jenen Polarstaat, der 1958 als vorletzter vor Hawaii Teil der Union wurde. Bislang gab es nur wenig Grund für die Regierungschefs, sich in den entlegenen Satelliten der Nation zu begeben.

Das begann sich in den vergangenen Monaten jedoch zu ändern. Je stärker die Obama-Regierung sich auf den Klimaschutz konzentriert, desto mehr rückt auch Alaska in den Blick. Schmelzende Polkappen gefährden in Alaska Städte und Gemeinden, ganze Kulturen von Ureinwohnern sind bedroht. Gleichzeitig fürchtet man bei einer Ausweitung von  Ölbohrungen vor der Küste, wie Obama sie erst kürzlich genehmigt hat, erneute Katastrophen wie die Havarie der Exxon Valdez, an die man sich in Alaska nur allzu gut erinnert.

So war Alaska das perfekte Reiseziel für Obama, um für die Dringlichkeit seiner Klimaschutzverordnungen zu werben, die er versucht, noch vor Ende seiner Amtszeit in Kraft zu setzen. Obama will die C02-Emissionen der amerikanischen Kraftwerke drastisch senken und den Gesamtausstoß des Landes bis 2025 um 28 Prozent verringern. Die Initiative soll neben seiner Gesundheitsreform das zweite große Vermächtnis seiner Präsidentschaft werden.

Alaska - Obama dringt auf Klimaschutzabkommen Der US-Präsident fordert in Alaska, alle Staaten sollten ihre Treibhausemmissionen reduzieren. Im Dezember will er beim UN-Gipfel in Paris verpflichtende Ziele festlegen.

"Der Klimawandel ist kein Problem für Morgen mehr, er ist ein Problem für das Hier und Jetzt", sagte Obama deshalb mit unmissverständlicher Dringlichkeit in Anchorage. "Ich bin heute hier als Anführer des zweitgrößten Emittenten der Welt, um zu sagen, dass wir unsere Rolle bei der Erzeugung des Problems zugeben und unsere Verantwortung bei dessen Lösung annehmen." 

Derart klare Worte waren aus Washington bislang noch nie zu hören. Der Präsident will im Vorfeld des UN-Klimagipfels in Paris mit aller ihm verbliebenen Autorität Stimmung für die Dringlichkeit des Klimaschutzes machen. "Dieses Jahr muss das Jahr sein", sagte er, "in dem die Welt endlich zusammenkommt, um den einen Planeten zu schützen, den wir haben, so lange wir das noch können."

Breite Unterstützung für Obamas Klimaziele

Zu Hause stoßen solch starke Worte mittlerweile auf erstaunlich offene Ohren. Obama erfreut sich einer breiten Unterstützung in den USA, wenn es um den Klimaschutz geht. Zwar haben zwölf Staaten, die von der Produktion von Kohleenergie abhängig sind, gegen die neuen Emissionsregeln Klage erhoben. Das täuscht jedoch darüber hinweg, dass man sich in Washington weitgehend darüber einig ist, gegen den Klimawandel etwas unternehmen zu müssen.

So unterstützen laut einer Umfrage der Washington Post 57 Prozent der Republikaner die Einschränkung der Kraftwerk-Emissionen, unter den Demokraten waren 79 Prozent dafür. Selbst unter den Anhängern der Tea Party, die ansonsten bemerkenswert resistent gegen rationale Diskussionen und wissenschaftliche Erkenntnisse sind, glaubten 50 Prozent, die Regierung müsse etwas tun.

Die Zeiten, in denen ein großer Anteil der amerikanischen Bevölkerung vom Klimawandel nichts wissen mochte, gehen langsam zu Ende. So fanden gleich mehrere Umfragen zu Beginn dieses Jahres heraus, dass die US-Wähler den Klimawandel für ein ernstes Problem halten.

Der Nährboden in der US-Bevölkerung für wirksame Klimaschutzmaßnahmen ist so fruchtbar wie noch nie. Mehr als 60 Prozent der Amerikaner finden laut einer Studie der Universität Yale, dass die USA eine globale Führungsrolle im Klimaschutz übernehmen sollen. Ebenfalls 60 Prozent sprachen sich für konkrete Maßnahmen zur Verringerung von CO2-Emissionen aus. 

Amerikaner spüren deutliche Folgen des Klimawandels

Als Grund für den Sinneswandel der Amerikaner beim Thema Klimaschutz sieht Umweltjournalist Benjamin Schneider die zunehmende Anzahl an extremen Wetterereignissen vor der eigenen Haustür. "Abstrakte Warnungen über die Zukunft des Planeten haben die Menschen nicht überzeugt, zumal die konservativen Medien unermüdlich den Klimawandel geleugnet haben." Die Häufung an Hurricanes mit verheerenden Flutwellen, Hitzewellen, Tornados und Wassernotstand in großen Gebieten beginne nun jedoch selbst die Konservativen davon zu überzeugen, dass der Klimawandel ein reales Problem ist.

Für die Haltbarkeit von Obamas Klima-Initiativen in den USA ist diese Stimmung im Land ein gutes Zeichen. Selbst für die republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft ist das Risiko der Untätigkeit groß. Deshalb meiden die Anwärter auch bislang sorgsam das Thema. Bei ihrer ersten Debatte kam die Umwelt gar nicht erst zur Sprache. Nur John Kasich, der ehemalige Gouverneur von Ohio, hat bislang offen gesagt, dass gegen den Klimawandel etwas unternommen werden müsse.

Andere Kandidaten haben sich in der Vergangenheit unmissverständlich gegen den Klimaschutz ausgesprochen, wie etwa Bobby Jindal, der gegen ein Cap-and-Trade-Programm in Kalifornien mit einem Brief an die US-Umweltbehörde protestierte. Jeb Bush hat großzügige Wahlkampfspenden aus der von den neuen Verordnungen bedrohten Kohleindustrie angenommen und dürfte deshalb ein Interesse daran haben, die Obama-Regulierungen wieder rückgängig zu machen. Ein umfassendes Energie-Konzept hat bislang noch keiner der Bewerber vorgelegt.

Clinton dürfte Obamas Klimapolitik fortsetzen

Hillary Clinton dürfte derweil, so sie gewählt wird, die Klimapolitik Obamas fortsetzen. "Clintons und Obamas Positionen sind praktisch identisch",  schrieb das Umwelt-Magazin Mother Jones jüngst. Leider, so die Zeitschrift, beinhalte dies auch parallel zur Energiewende, die fortgesetzte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen innerhalb der USA. Dazu gehören neue Offshore-Bohrgenehmigungen ebenso wie Erdgasgewinnung durch Fracking.

So muss, wer eine wirklich radikale Umweltpolitik will, im kommenden Jahr wohl Bernie Sanders wählen. Sanders würde CO2-Emissionen besteuern, massiv in Solar- und Windenergie sowie in Erdwärme investieren, die Bauvorschriften verschärfen und das US-Schienennetz auf Vordermann bringen. Ob das Umweltbewusstsein der Amerikaner bereits progressiv genug für einen Präsidenten Sanders ist, darf allerdings bezweifelt werden.