Gelingt es der Weltgemeinschaft, die Erderwärmung endlich zu bremsen, oder schreitet der globale Wandel noch heftiger voran – um diese Frage wird es bei der Klimakonferenz gehen, die am 30. November in Paris beginnt. Die Akteure sind längst in Verhandlungen. In dieser Woche sitzen die Unterhändler in Bonn und versuchen, sich auf einen Vertragsentwurf zu einigen, der dann in Paris endgültig abgestimmt werden soll. In diesem Zusammenhang fordert jetzt Greenpeace, dass in den Vertrag auch gleich noch der Ausstieg aus Kohle, Erdöl und Erdgas geschrieben werden soll. Erst im September hatte die Organisation eine Studie veröffentlicht, die darstellt, wie es gelingen soll, die Energieversorgung weltweit ab 2050 ausschließlich mit Erneuerbaren zu bewerkstelligen. Ob das realistisch ist, muss bezweifelt werden.

Der Energiebedarf eines Deutschen für alles – Strom, Transport Heizung, Produkte – beträgt fünfeinhalb Kilowatt. Macht 132 Kilowattstunden am Tag oder knapp 50.000 kWh im Jahr. In manchen Ländern ist der Energiebedarf pro Kopf höher, etwa den USA oder Saudi-Arabien, in vielen aber niedriger, oft sehr viel niedriger. Die Gründe dafür sind bekannt: geringes Einkommen, geringer Wohlstand (sofern das Wort hier überhaupt zu benutzen ist), geringe Mobilität. Es dürfte Konsens sein, dass es diesen Menschen besser gehen soll. Sie sollen Kühlschränke haben, Waschmaschinen, Heimelektronik, um zu kommunizieren. Vielen würde ein Auto helfen, und sei es in der Carsharing-Variante. Sie sollen Bedingungen vorfinden, die es auch ihnen ermöglichen, 80 Jahre und älter zu werden.

Kurzum, jeder Mensch auf Erden hat das Recht, eines Tages so zu leben, wie wir es hier tun. Das kostet, neben vielen anderen Dingen auch Energie. Ungefähr fünfeinhalb kW pro Kopf. Bei den heute gut sieben Milliarden Menschen ergibt das rund 40 Terawatt, das Dreifache dessen, was gegenwärtig tatsächlich erzeugt wird. In 100 Jahren mit mehr als zehn Milliarden Menschen wären es an die 60 Terawatt.

Die Forderung: Gut 20.000 neue Kernkraftwerke*

"Das ist zu machen", sagt Lawrence Cathles von der Cornell-Universität in Ithaca, der zur Rohstoffversorgung forscht. Der erforderliche Zuwachs bei den Energiekapazitäten würde deutlich geringer ausfallen als jene 2,6 Prozent, die in den USA von 1960 bis 2010 jährlich erreicht wurden.

Für Cathles kommen die Erneuerbaren dabei nur anteilig infrage. Wollte man den Energiehunger Europas allein mit Solarstrom aus der Wüste stillen, benötigte man dort eine Fläche, die fast doppelt so groß ist wie Polen, rechnet er vor. Alle Länder zusammen würden ein Drittel sämtlicher Wüsten mit Solarstromanlagen zubauen müssen. Cathles, der langfristig ebenfalls weg von fossilen Brennstoffen will, regt daher den Neubau von mehr als 20.000 Kernkraftwerken an*.

Schon heute wird über Mais-Monokulturen, Windparks und PV-Anlagen geklagt

Diese gewaltige Zahl ist natürlich unrealistisch. Aber der Gedanke muss erlaubt sein: Wo sonst soll ausreichend Energie für alle herkommen, wenn wir weder Kohle noch Öl noch Gas verbrennen wollen? In Deutschland machen die Erneuerbaren derzeit ein Achtel des Energieverbrauchs aus. Sieben Achtel sind noch zu leisten in einem Land, in dem bereits heute über zu viele Mais-Monokulturen, Windparks und Fotovoltaik-Anlagen geklagt wird. Insbesondere der großflächige Anbau von Biomasse macht auch in anderen Teilen der Welt schon jetzt Probleme, die sich künftig verschärfen werden.

Es ist daher dringend nötig, sich noch mehr ums Energiesparen zu kümmern. Damit es in 100 Jahren nicht die grob kalkulierten 60 Terawatt sind, sondern weniger. Man sollte hier aber keine Wunder erwarten, wie es die Greenpeace-Autoren tun. Sie gehen in ihrem Konzept eben nicht von einer deutlichen Steigerung des globalen Energieverbrauchs aus, sondern sogar von einem Rückgang. Das ist unrealistisch und wird schon im Interesse der heutigen Geringverbraucher hoffentlich nicht eintreten.

Die Klimakonferenz ist ein guter Zeitpunkt, um sich auf die wesentlichen Ziele zu besinnen und alte Reflexe zu überdenken. Vielleicht ist es doch nicht so verkehrt, Erdöl und insbesondere Erdgas als Brückentechnologie etwas länger im Energiemix zu halten. Und vielleicht haben die vielen, vorrangig im Ausland lebenden Menschen mit ihrer eher unaufgeregten Einstellung zur Kernkraft doch nicht ganz unrecht.

* Anm. d. Red.: Die Zahl wurde nachträglich korrigiert und stimmt nun mit der Studie überein. Der Titel wurde dementsprechend angepasst.