Es ist eine dieser Meldungen, die sich dieser Tage häufen. Schließlich steht der Klimagipfel in Paris bevor. Heute also dies: Erstmals seit Zeiten vor der Industrialisierung könnte die globale Erwärmung die magische Ein-Grad-Marke knacken.

Genauer gesagt: Die globale Durchschnittstemperatur der Luft und der Meere könnte für 2015 mehr als ein Grad Celsius über den Temperaturen liegen, die herrschten, als es noch keine Fabrik- und Verkehrsabgase gab und weite Teile der natürlichen Kohlenstoffspeicher noch erhalten waren.

Das berichtet der britische Wetterdienst Met Office in einer Pressemitteilung. Dessen Prognose errechnet sich aus den weltweiten Temperatur-Aufzeichnungen des laufenden Jahres – von Januar bis September. Solche Daten werden dort regelmäßig in Kooperation mit der Universität von East Anglia erfasst und veröffentlicht.

Eine aktuelle wissenschaftliche Studie liegt der neuen Zahl nicht zu Grunde. Sie ist das Ergebnis einer Auswertung von Wetterdaten, wie sie seit Jahren von Meteorologen durchgeführt werden. Das ist gut, denn solche Daten werden mit Thermometern gemessen, nicht in Computermodellen errechnet. Nur die Aussichten für das letzte Quartal sind eine Hochrechnung.

Wer genau liest, findet in der Pressemitteilung auch den wichtigen Hinweis darauf, dass die Forscher vom Met Office zwar einen Wert von 1,02 Grad Celsius angeben, aber einen Unsicherheitsfaktor von +/- 0,11 Grad Celsius einplanen. Sie rechnen also mit einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur am Ende des Jahres, die irgendwo zwischen 0,91 und 1,13 Grad liegen könnte.

Das letzte Quartal ist noch nicht eingerechnet

Diese kritischen Anmerkungen bedeuten nicht, dass die Arbeit der Forscher fehlerhaft ist oder die globale Erwärmung nicht stattfindet. Es stimmt, vieles davon hat der Mensch durch seine Emissionen verursacht. Man sollte dieser Tage nur genau lesen, wenn neue Klimameldungen kommen.

In diesem Fall etwa schränken die Meteorologen selbst ein: Wenn die Marke in diesem Jahr überschritten werde, hieße das noch lange nicht, dass dies von nun an jedes Jahr passiere, betonte Peter Scott, am Met Office zuständig für das Klima-Monitoring. Jedes Jahr gebe es natürliche Schwankungen. Die Messungen würden allerdings den generellen Trend der Erwärmung bestätigen. Der geht nach Ansicht der Forscher aus England weiter.

Es ist sogar ziemlich wahrscheinlich, dass die britischen Meteorologen mit ihrer Vorhersage Recht behalten. Denn 2015 ist ein El-Niño-Jahr – und die sind meist wärmer als andere. Die globale Erwärmung selbst kann dieses Wetterphänomen sogar noch verstärken (Nature Climate Change, Cai et al., 2015). El Niño sei derzeit im tropischen Pazifik stark ausgeprägt und werde sich bis Ende des Jahres weiter auf die globale Temperatur auswirken, sagte Stephen Belcher, Direktor des Klimaforschungszentrums (Hadley Centre), das dem britischen Wetterdienst angeschlossen ist. 

Insgesamt ist diese Prognose also durchaus von Bedeutung. Es ist nur wichtig, in der Flut der aktuellen Klimameldungen genau hinzuschauen. Und: das Jahr ist noch nicht vorbei. Erst wenn die Messdaten bis Ende Dezember vorliegen, werden wir wissen, ob die Ein-Grad-Grenze überschritten ist.