Es ist eine der imposantesten Flugrouten der Erde. Herrscht freie Sicht, sind aus dem Kabinenfenster des Jets riesigen Schneelandschaften und der dunkelblaue Nordatlantik zu sehen. Doch die Aussicht hat ihren Preis: Auf der Reise nach Spitzbergen, um dort internationale Klimaforscher zu treffen, wird pro Person laut Emissionsrechner MyClimate ab Berlin mehr als eine Tonne CO2 ausgestoßen. Das liegt über der Hälfte des akzeptablen Jahresverbrauchs.

Damit also darüber berichtet werden kann, wie sich der Klimawandel im äußersten Norden Europas zeigt und untersucht wird, muss erst mal tüchtig zur Erderwärmung beigetragen werden.

In Ny Ålesund wohnen das ganze Jahr rund 30 Forscher, zur Hauptsaison im Sommer sogar mehr als 100. Sie untersuchen das örtliche Tierleben und messen Werte wie Temperatur und Ozongehalt – essentielle Daten, um Klimaveränderungen zu studieren. China, Korea, Italien und Indien gehören zu den Ländern mit Forschungsstationen, die jeweils nur ein paar Minuten Fußmarsch voneinander entfernt liegen

Das deutsche Alfred-Wegener-Institut (AWI) residiert gemeinsam mit der französischen Partnerorganisation PEV in einem einer Skihütte nicht unähnlichen Holzhaus am Rande des kleinen Ortes. Die Mitarbeiter dort registrieren unter anderem täglich die Temperatur in zwei Metern Höhe und lassen Sonden steigen, um sie hoch oben in der Luft zu messen. "Die hier gemessenen Daten helfen, Klimaveränderungen einschätzen zu können", sagt Kathrin Lang, seit Sommer Stationsleiterin, und lässt einen roten Ballon in die arktische Luft entschweben. Sekunden später ist er bloß noch ein Punkt am Himmel.

Messinstrumente an dem Ballon funken Daten zurück, zusammen mit den Bodenmessungen wertet das AWI sie aus. "Wir messen seit 1993 und haben festgestellt, dass die Durchschnittstemperatur pro Jahrzehnt um 1,3 Grad gestiegen ist, im Winter sogar über drei Grad", sagt Marion Maturilli, Klimawissenschaftlerin am AWI. Ältere, norwegische Messungen zeigen, dass es auch in den 1930er Jahre schon wärmere Perioden gegeben hat. "Aber die derzeitigen Änderungen übertreffen diese. Das deutet auf Klimaveränderungen hin", sagt die Forscherin.

"Ein Paradox, das wir wirklich nicht brauchen"

Anfang Juli war UN-Chef Ban Ki Moon ebenfalls in Ny Ålesund, um mit Lang und dem norwegischen Außenminister Børge Brende medienwirksam einen Ballon steigen zu lassen. Damals äußerte er sich laut AWI sehr besorgt über den Rückgang des nahen Blomstrandbreen-Gletschers und rief dazu auf, den globalen Temperaturanstieg unbedingt unter zwei Grad zu halten. Auf dem Klimagipfel in Paris wird er sich wiederholen. Die Botschaft ist nicht neu.

Umso verwerflicher ist die Doppelmoral Norwegens. Das Land beklagt den Klimawandel – treibt ihn gleichzeitig aber voran. Die Regierung fördert nämlich nicht nur die internationale Forscherbasis in Ny Ålesund, sondern subventioniert auch den Kohlebergbau auf der Inselgruppe. "Das ist ein Paradox, das wir wirklich nicht brauchen", sagt Lars Haltbrekken, Chef von Naturvernforbundet, dem norwegischen Pendant zum Bund für Umwelt- und Naturschutz, der seit Jahrzehnten gegen Kohleabbau auf Spitzbergen kämpft.

Zwar haben Norwegens Politiker erst in diesem Jahr beschlossen, nicht mehr in Unternehmen zu investieren, die sich zu stark in Kohle engagieren. "Das war ein großer Sieg", sagt Haltbrekken. Zugleich aber würde man den Rohstoff selber weiter nutzen. "Das zeigt, dass es viel einfacher ist, anderen zu sagen, was sie ändern sollen, als selber etwas zu tun."

Naturschützer sehen ein Ende der Kohleförderung

Wer den Blick vom Messballon abwendet und in Richtung Berghang schaut, blickt dahin, wo vor bald hundert Jahren der örtliche Kohlebergbau begann. Ein paar Hundert Meter weiter, unten am Wasser, steht noch die alte Bahn, mit der der wertvolle Rohstoff einst abtransportiert wurde. 

In Ny Ålesund wird seit einem Grubenunglück mit 21 Toten Anfang der Sechziger keine Kohle mehr gefördert, aber erst im Juni diesen Jahres beschloss das norwegische Parlament eine halbe Milliarde Kronen – umgerechnet rund 55 Millionen Euro – in die staatliche Grubengesellschaft Store Norske zu investieren, damit diese auf Spitzbergen weiter Kohle fördern kann. Das Argument wie so häufig: Arbeitsplätze.

Norwegen ist mit einer Quote von 4,3 Prozent nicht gerade von Arbeitslosigkeit geplagt. Trotzdem möchte das Land im äußersten Norden auf halbem Weg zum Nordpol Industriejobs erhalten – auch, weil wirtschaftliche Aktivität notwendig ist, um die norwegische Dominanz über die Inselgruppe zu sichern. Zwar gehört diese seit dem Svalbardvertrag, der vor 90 Jahren norwegisches Gesetz wurde, zum Hoheitsgebiet, doch die Bürger der anderen Staaten, die Vertragspartner sind, dürfen sich dort ebenso uneingeschränkt wirtschaftlich betätigen. Darunter Russland und Deutschland. Deshalb ist es Norwegen wichtig dafür zu sorgen, dass vor allem Norweger auf der Inselgruppe leben.

Selbst die Grünen stimmten für Kohle-Subventionen

"Das ist aber kein Argument mehr für die Kohle, denn Tourismus oder Forschung können genauso gut Arbeitsplätze schaffen", sagt Naturschützer Haltbrekken. Naturvernforbundet hat die Kohle-Subventionen schon vor Jahrzehnten als nicht mehr zeitgemäß bezeichnet und die "absurde Form der Klimapolitik" kritisiert. "Die norwegische Besiedelung von Spitzbergen muss in Zukunft auf weniger umweltschädlichen Aktivitäten als Kohle basieren", steht in einem Aufruf von 1992. Diesen Sommer, mehr als 20 Jahre später, haben in Norwegen selbst die oppositionellen Grünen für die Kohle-Subventionen gestimmt. Mit dem Zusatz, die Abwicklung der Kohleindustrie müsse "kontrolliert" geschehen und nicht sofort.

Ganz der Transparenz verschrieben, rechnet die Grubengesellschaft Store Norske in einem Dokument vor, wie sehr die eigene Kohle der Umwelt schadet. Allein der Abbau der rund 1,9 Millionen Tonnen Kohle jährlich sei mit 50.000 Tonnen CO2-Ausstoß verbunden, hinzu kämen weitere 60.000 Tonnen CO2 für den Transport. Die größten Emissionen aber entstünden, wenn die Endkunden das Produkt verbrennen. Dann nämlich werden 5,5 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt – etwas mehr als 10 Prozent dessen, was in Norwegen jährlich ausgestoßen wird.

Naturschützer sind zuversichtlich, dass in den kommenden fünf Jahren Schluss sein wird mit der Kohleförderung auf Spitzbergen. Womöglich geht es den Politikern darum, noch ein großes Jubiläum zu feiern und den Laden dann dicht zu machen: Im kommenden Jahr wird es 100 Jahre her sein, dass die erste Kohle in Ny Ålesund gefördert wurde.