Die Südhalbkugel ist im meteorologischen Ausnahmezustand. Halb Afrika ist überflutet oder versinkt im Starkregen. Der Süden Afrikas ist dagegen knochentrocken. Ernten gehen infolge der Dürre verloren. Es herrscht Wassermangel.

In Südostasien brennen die Reste der Regenwälder ab. Schuld daran sind zwar vor allem illegale Brandrodungen durch Bauern und Palmölplantagenbesitzer sowie die Trockenlegung der Torfmoorböden. Doch würde es mehr regnen, könnte sich das Feuer nicht so stark ausbreiten.

Überall in diesen Regionen hat das extreme Wetter verheerende Auswirkungen für die Menschen. Ein Faktor, der Überflutungen, Erdrutsche, Waldbrände und Stürme aber auch Dürren begünstigt: eine klimatische Konstellation namens El Niño.

Besonders in Asien, dem Südpazifik, Ostafrika, dem Süden Afrikas, Zentral- und Südamerika bestimmt sie derzeit stark das Wetter. Im Laufe des Januars könnte sie sich endlich abschwächen, sagen Wissenschaftler voraus.

Die derzeitige Konstellation ist eines der stärksten El-Niño-Ereignisse, das bisher registriert worden ist, berichten Meteorologen der US-Wetterbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration). Sie rechnen es zu den drei stärksten El Niños bisher.

Klimawandel - Wo El Niño den Menschen besonders trifft Das Klimaphänomen wirkt sich vor allem in Südamerika und Teilen Afrikas aus. Welche Regionen besonders betroffen sind und wie El Niño entsteht, zeigt dieses Video.

Was ist El Niño?

Was das Wetterphänomen ausmacht, beschreibt Andreas Frey in der ZEIT so: Riesige Wassermassen zirkulieren im Pazifik, sowohl oberflächlich als auch in großen Tiefen. Winde und Meeresströmung beeinflussen sich gegenseitig. Normalerweise weht in der pazifischen Äquatorialregion Ostwind, Klimatologen bezeichnen ihn als Passatwind. Der Passat schiebt das warme Oberflächenwasser nach Westen. Dadurch ist der Ozean in Südostasien mit bis zu 30 Grad Celsius sehr warm, es herrscht tropisch-feuchtes Wetter. Auf demselben Breitengrad vor der Küste Südamerikas werden hingegen nur 24 Grad erreicht. Dort ist es zudem relativ trocken.

Etwa alle vier Jahre bricht diese Zirkulation zusammen – und verkehrt sich in ihr Gegenteil. Der Wind dreht jetzt auf West. Dadurch verschiebt sich der Warmwasserberg an die Küste Südamerikas und löst am Stau der Anden starke Regenfälle aus, während in Südostasien kühleres Ozeanwasser große Trockenheit bringt. El Niño beherrscht nun das Wetter.

Klimaforscher sprechen allerdings erst dann von einem El-Niño-Ereignis, wenn eine bestimmte Pazifikregion wärmer ist als üblich. Entscheidend dafür ist die sogenannte El-Niño-Region 3.4. Sie liegt inmitten des Pazifischen Ozeans und umfasst ein Gebiet zwischen fünf Grad nördlicher und südlicher Breite auf einer Länge zwischen 170 und 120 Grad West. Ist hier die Meerestemperatur in mindestens fünf aufeinanderfolgenden Monaten ein halbes Grad wärmer als normal, sind die Bedingungen für El Niño erfüllt. Ist die Abweichung besonders groß, sprechen die Klimaforscher von einem starken Ereignis. Und das zwingt jetzt Hunderttausende Menschen zur Flucht. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind weltweit 14 Länder besonders stark von den Folgen des El Niño in diesem Jahr betroffen.

Starkregen in Südamerika

In Paraguay, Argentinien, Uruguay und Brasilien mussten während der Weihnachtstage rund 160.000 Menschen ihre Häuser verlassen, weil Starkregenfälle die Flüsse über die Ufer treten ließen oder Erdrutsche ausgelöst hatten. Mindestens zehn Menschen in Brasilien und Paraguay starben. Die Flut löst eine dramatische Dürre in Zentralamerika ab, die in Honduras, Nicaragua, Guatemala und El Salvador nach Angaben der UN-Agrarorganisation FAO etwa 80 Prozent der Ernten zerstört hat. Mehr als zwei Millionen Menschen sind in diesen Ländern derzeit auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Zerstörte Ernten in Äthiopien

Das wird allerdings von der Not in Äthiopien noch bertroffen. Dort sind inzwischen 10,2 Millionen Menschen von Nahrungsmittelhilfe abhängig. Zu Beginn des Jahres waren es rund zwei Millionen Menschen, von denen rund 640.000 Flüchtlinge aus Nachbarstaaten waren. Sie verteilen sich auf 24 Lager im Grenzgebiet zum Südsudan, Eritrea, Somalia und dem Sudan. 

Im Oktober war die Zahl der Hungernden in Äthiopien bereits auf mehr als acht Millionen angestiegen. Mit einer "normalen" Knappheit zwischen zwei Ernten kommt Äthiopien inzwischen zurecht. Es gibt im ganzen Land Getreidelager, die im Notfall zur Versorgung von Hungernden genutzt werden können. Aber um die diesjährigen Auswirkungen der El-Niño-Konstellation auszugleichen, reichten die Notfallreserven nicht.

Überschwemmungen in Teilen Afrikas

Im Süden Äthiopiens und Somalias sowie in Kenia und Uganda leiden die Menschen unter schweren Überflutungen. Allein in Kenia sind seit Oktober 80 Menschen in den Fluten umgekommen. Rund 60.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen – und haben sie teilweise ganz verloren. Kenia hat zwar einen Notfallplan für den El Niño aufgestellt, hat aber selbst auf dem Höhepunkt der Überflutungen die dafür vorgesehenen Mittel nicht freigegeben. Das könnte damit zu tun haben, dass die Regierung im Angesicht mehrerer großer Korruptionsskandale derzeit nahezu zahlungsunfähig ist. Womöglich ist das Geld längst irgendwo auf dem Weg vom Haushaltsplan in die reale Notfallvorsorge in den Regionen veruntreut worden.

Teure Lebensmittel

Der Süden Afrikas dagegen leidet unter extremer Dürre. Die Maisernte war schlecht, die Aussaat ist wegen der Dürre stark verzögert. Im Süden Afrikas wird deshalb mit deutlich steigenden Preisen für Lebensmittel gerechnet.

In Südafrika, Sambia und Malawi kommt dazu, dass die Währungen der drei Länder das ganze Jahr hindurch drastisch an Wert verloren haben. Das dürfte die Lebensmittelpreise weiter nach oben treiben, obwohl der Ölpreis gerade einen Tiefpunkt erreicht hat. Der Ölpreis hat in früheren Jahren zu Preiskrisen für Lebensmittel geführt. Da einige Staaten mehr schlecht als recht regiert werden, ist nicht auszuschließen, dass die steigenden Lebensmittelpreise Unruhen auslösen könnten.

Waldbrände in Indonesien

In Indonesien hat El Niño dazu beigetragen, dass die verheerenden Waldbrände weiterhin nicht unter Kontrolle gebracht werden konnten. In Indonesien und im Südpazifik müssen die Menschen nach einer langen Dürre allerdings im kommenden Monat mit Starkniederschlägen und Überschwemmungen rechnen. Auch hier ist das Essen knapp. 

Eine andere Version dieses Artikels ist im Tagesspiegel erschienen.