Der Schlamm stinkt. Überall braune Brühe. Unaufhaltsam sickert sie in den Atlantik – an der Mündung des Rio Doce ("Süßer Fluss"). Hier am Strand des brasilianischen Bundesstaates Espírito Santo, wo sonst Meeresschildkröten ihre Eier in den Sand legen, vergraben Freiwillige massenhaft tote Fische. Angeheuert wurden die Helfer vom Minenkonzern, unter dessen Schlamm die Tiere erstickt sind.

Vor vier Wochen waren an einer Mine des Betreibers Samarco im Bundesstaat Minas Gerais, dem größten Erzabbaugebiet Brasiliens, zwei Dämme von Rückhaltebecken gebrochen.

60 Millionen Kubikmeter (so eine der wenigen offiziellen Zahlen) an mit Schwermetallen belastetem Schlamm bahnten sich ihren Weg entlang des 853 Kilometer langen Flusses (hier ein Überblick der Ereignisse). Die Schlammmenge entspreche etwa dem Volumen "20.000 olympischer Schwimmbecken", sagte John Knox, UN-Sonderbeauftragter für Umweltfragen. Böden, Flüsse und das Wassersystem seien auf der gesamten Flusslänge kontaminiert. Die Mine gehört den weltweit größten Bergwerkskonzernen, dem brasilianischen Unternehmen Vale und dem australisch-britischen Rohstoffkonzern BHP Billiton.

Schon jetzt ist klar: Der Schlamm, der den Rio Doce und seine Schwemmgebiete verdreckt, hat schwerste Umweltschäden verursacht. Präsidentin Dilma Rousseff selbst hat auf dem Klimagipfel in Paris von der schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte ihres Landes gesprochen. Da erscheint es unfassbar, wie wenig vier Wochen nach dem Dammbruch – angeblich ausgelöst durch ein leichtes Erdbeben – über das Ausmaß bekannt ist.

Die Öffentlichkeit weiß noch immer nicht, mit wie viel Schwermetallen und anderen Schadstoffen der Fluss verseucht ist. Behörden halten sich bedeckt. Forscher veröffentlichen keine genauen Zahlen. Das städtische Abwasser- und Wasserversorgungsunternehmen der Stadt Baixo Guandu hat lediglich bestätigt, dass sich Aluminium, Blei, Kupfer, Arsen und Quecksilber im Flusswasser befinden. Erst vor wenigen Tagen, Wochen nach dem Unglück, ist ein Forschungsschiff, die Vital de Oliveira, aufgebrochen, um an der Flussmündung Proben zu nehmen.

Wie verteilen und verdünnen sich die Schadstoffe? Besteht Gesundheitsgefahr für Anwohner? Wie schwer ist das Ökosystem getroffen? Über all das lassen Brasiliens Behörden die Anwohner im Unklaren.

Wasser-Analysen bleiben unter Verschluss

Auch die verantwortlichen Unternehmen spielen bei der Bewältigung der Umweltkatastrophe eine unrühmliche Rolle. Der Unglückshergang ist noch nicht geklärt. Der Schlamm sei nicht giftig und bestehe hauptsächlich aus Wasser und Kieselerde, hatte Minenbetreiber Samarco zunächst mitgeteilt. Experten der Universität in Rio de Janeiro wiesen zwar das Gegenteil nach: Sie fanden Reste von Quecksilber, Eisen, Blei, Arsen und Nickel in Wasserproben. Doch auch deren Daten sind der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich.

Ende vergangener Woche musste dann auch die beim Bergbaukonzern Vale für Gesundheit und Sicherheit zuständige Direktorin, Vania Somavilla, eingestehen, dass der Schlamm giftige Rückstände enthält.  

Inzwischen hat ein juristischer Streit begonnen, der Jahre dauern kann. Ob und wann Fischer und Bergleute am Fluss Geld oder ein neues Zuhause bekommen, ist unklar. Ganz zu schweigen von der Anerkennung möglicher Gesundheitsfolgen.

Der brasilianische Staat gab jetzt bekannt, die verantwortlichen Unternehmen auf umgerechnet etwa fünf Milliarden Euro (20 Milliarden Reais) Schadenersatz verklagen zu wollen. Ein Fonds solle für die Dauer von zehn Jahren angelegt und bei Bedarf verlängert werden, sagte Umweltministerin Izabella Teixeira. Sollten sich die Unternehmen nicht darauf einlassen, könnten Konten blockiert werden. Die Regierung geht von mindestens 25 Jahren aus, bis die Umweltschäden beseitigt sind. Umweltaktivisten sprechen von einem längeren Zeitraum und stellen sich zugleich auf eine langwierige juristische Auseinandersetzung ein.

Geldstrafe für Umweltsünder werden in Brasilien fast nie bezahlt

Maurício Guetta, Jurist bei der Umweltorganisation Instituto Socioambiental in São Paulo, verweist auf die gute Umweltgesetzgebung in Brasilien. "Aber wir haben ein Problem bei der Umsetzung", fügt er hinzu. "97 Prozent aller verhängten Strafen werden nicht bezahlt."

Erst nach Tagen des Schweigens meldete sich die politisch angeschlagene Präsidentin Dilma Rousseff zu Wort. Auf dem Klimagipfel in Paris versprach sie der Weltöffentlichkeit, Brasilien werde die Schuldigen der Umweltkatastrophe bestrafen und warf dem Minenbetreiber "unverantwortliches Handeln" vor.

Bislang hat keines der Unternehmen die Schuld für das Unglück eingeräumt. Alle Sicherheitsüberprüfungen seien ohne Anomalitäten verlaufen. Die Rede ist von einem leichten Erdbeben, das für den Dammbruch verantwortlich gemacht wird. Dennoch gab sich Vale-Präsident Murilo Ferreira großzügig und schlug die Einrichtung eines "freiwilligen" Schadenersatzfonds in Höhe von 250 Millionen Euro vor, also weit weniger als die Regierung verlangt.

Bergbaukonzern und Politik sind eng verwoben

Brasiliens Bergbaugigant Vale mit Firmensitz in Rio de Janeiro hat beste Verbindungen in die Politik und zur aktuellen Mitte-Links-Regierung unter Rousseff. Das Unternehmen gehört zu den größten Spendern im Präsidentschaftswahlkampf. Auch die aktuelle politische Krise in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft und das drohende Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff dürften dem Konzern helfen.

Für viele Experten ist der Dammbruch ein Unglück mit Ansage. In Dokumenten wies bereits 2013 die zuständige Staatsanwaltschaft darauf hin, dass das jetzt von der Schlammlawine begrabene Dorf Bento Rodrigues einer extremen Gefährdung ausgesetzt sei und keine Sicherheitsvorkehrungen für die Bewohner getroffen würden, wie die Aktivistin und freie Journalistin Laura Capriglione sagt. "Es gab nicht einmal Sirenen, um die Menschen in einem Unglücksfall zu informieren", sagt sie. "Diese wurden jetzt zwei Tage nach der Katastrophe eingerichtet."

Das Unglück zeugt auch von unzureichenden Kontrollen der Minen. Viele Bundesstaaten machen deutliche Zugeständnisse bei Sicherheitsüberprüfungen und Umweltauflagen. Im Fall Samarco seien die Prüfberichte für die Behörden nicht etwa von unabhängigen Experten, sondern von Mitarbeitern der Mine selbst angefertigt worden, sagte Jurist Maurício Guetta. "Damit sind sie nichts wert."

Die Gefahr war bekannt

Internationale Experten wie UN-Sonderberichterstatter Knox fordern deshalb schon lange ein einheitliches Regelwerk für die Lizenzvergabe und Sicherheit im Bergbau. Doch in Brasilien passiert genau das Gegenteil: Fast gleichzeitig mit dem Dammbruch stimmte eine Senatskommission für "mehr Flexibilität" der behördlichen Überprüfungen. Auf fast 200 Parlamentarier kann sich die Bergbau-Lobby im brasilianischen Kongress verlassen. Nur die Agrarkonzerne haben noch mehr Macht.

Am Ende steht also wenig fest, auch fast einen Monat, seit dem der Rio Doce verseucht wurde. Nur, dass mindestens zwölf Menschen starben, die direkt im Weg der Schlammlawine wohnten, lässt sich schwer vertuschen. Elf weitere werden vermisst. Etwa 280.000 Menschen sind seit dem Unglück von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Fischer haben ihre Existenzgrundlage verloren. Mit den toten Fischen – neun Tonnen allein vergangene Woche – wird die Wahrheit für einen kurzen Moment an Land gespült. Und ganz schnell wieder im Sand vergraben.

Susann Kreutzmann berichtet aus São Paulo für ZEIT ONLINE.