Verbotene Chemikalien gefährden das Überleben von Europas Meeressäugern: Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB. Lange Zeit waren die Stoffe etwa in Weichmachern* und Farben enthalten. Da sie jedoch das Risiko von Krebserkrankungen erhöhen sollen, darf die Industrie sie in den meisten Ländern schon seit Mitte der achtziger Jahre nicht mehr verwenden. Das Problem: Die Stoffe bauen sich nur langsam ab und reichern sich noch immer in Gewässern an – was sie zu einer Bedrohung für Delfine macht, wie Forscher nun belegen.

Für ihre Studie im Fachmagazin Scientific Reports haben Biologen in den vergangenen 25 Jahren insgesamt 1.081 Schweinswale, große Tümmler, Streifendelfine und Orcas untersucht, die alle zur Familie der Delfine gehören (Jepson et al., 2016). Ein Großteil davon waren gestrandete Tiere, etwa 150 wurden lebend untersucht. Besonders große Tümmler, Streifendelfine und Orcas seien oft stark mit PCB belastet, schreiben die Autoren.

Ein Grund dafür ist, dass die Delfin-Familie in ihrer Umwelt an der Spitze der Nahrungskette steht: Die Tiere fressen kleinere Fische und die wiederum noch kleinere bis hin zum Plankton, welches PCB absorbiert. Mit der Zeit sammeln sich so immer mehr Schadstoffe im Fett der Meeressäuger an.

Die PCB-Konzentration ist heute konstant

Insgesamt haben die Messungen zwar gezeigt, dass die Konzentration seit 1990 abgenommen hat, doch bei null ist sie noch lange nicht angekommen. Stattdessen hat sie sich auf einem konstanten Level eingependelt – und das sei noch immer viel zu hoch, sagen die Forscher. Denn bereits geringe Mengen PCB haben Folgen: So lieferten Untersuchungen schon vor Jahren Hinweise beispielsweise darauf, dass schwere Missbildungen der Gebärmutter von Robben mit einer PCB-Belastung zusammenhängen. Schon neun Milligramm pro Kilo Körpergewicht haben demnach Folgen. (Helle et al., 1976). Andere Studien zeigten, dass die Giftstoffe das Immunsystem von Schweinswalen schädigen (Jepson et al., 2005). 

Als Säugetiere haben die Delfine ein weiteres Problem: Muttertiere geben bis zu 90 Prozent der gespeicherten Schadstoffe über die Milch an ihre Kälber weiter. So weit komme es allerdings oft erst gar nicht, weil es immer weniger Nachkommen gebe, sagt ein Autor der Studie, der Zoologe Paul Jepson. Ein Beispiel, an dem sich das Phänomen gut beobachten lasse, seien Orcas: "Es gibt schon jetzt nur noch sehr wenige Orca-Populationen in westeuropäischen Gewässern und die Bestände werden noch weiter zurückgehen", sagt er. Das habe zwar verschiedene Ursachen, doch wegen der PCB-Belastung könnten sich Gruppen nur schlecht erholen.

Die Forscher konnten in verschiedenen Delfin-Gruppen beobachten, dass die Weibchen teils über einen Zeitraum von zehn Jahren kein einziges Kalb zur Welt gebracht haben – wenn doch mal eines geboren wurde, hatte es nur geringe Überlebenschancen.

Ist es in Europa besonders schlimm?

Besonders mit PCB belastet sind der Studie zufolge Tiere im Mittelmeer: Bei allen Orcas, großen Tümmlern und Streifendelfinen haben die Forscher hier Konzentrationen von 50 bis zu 350 Milligramm pro Kilo gemessen. "Spätestens ab 40 Milligramm pro Kilo sollte man sich bei jedem Tier Sorgen machen", sagt Jepson. Nur wenige Exemplare, die er und sein Team unter anderem an der Iberischen Küste, dem Golf von Cadiz sowie an der Meerenge von Gibraltar untersucht haben, lagen unter diesem Wert.

Wie es um die Tiere im Rest der Welt steht? "Es gibt noch zu wenige Daten über die weltweite PCB-Belastung von Meeressäugern, gerade vor Asien oder Afrika ist die Datenlage schlecht", erklärt Ailsa Hall von der Universität St. Andrews in Schottland, die nicht an der Studie beteiligt war. Man müsse außerdem beachten, dass die Tiere die mit PCB belastete Nahrung auch woanders aufgenommen haben könnten als dem Ort, an dem sie gestrandet oder untersucht worden sind. Grundsätzlich aber zeichne die Studie aus England ein gutes Bild der aktuellen Situation.

*Anm. d. Red.: Hier stand vorher Weichspüler