Seit Tagen spielt sich ein trauriges Szenario an der Nordsee ab: Riesige Kadaver werden an den Strand gespült. Mindestens zwölf tote Pottwale wurden bislang an niederländischen und deutschen Küsten aufgefunden. Am Samstag schwemmten zwei tote Tiere auf Wangerooge an, es folgte ein Wal vor Bremerhaven, zwei bei Helgoland und einer in der Nähe von Büsum. Sechs weitere Tiere verendeten an der Küste der niederländischen Insel Texel. 

Wieso sind die Pottwale gestrandet?

Jeden Winter machen sich Pottwale auf der Suche nach Nahrung auf den Weg aus der Arktis in den Süden. Die nun gestrandeten Tiere haben sich dabei wohl verirrt. Irgendwann könnten sie falsch abgebogen und dabei in die Nordsee geraten sein. Das Meer hier ist viel zu flach für die riesigen Säuger. Ihr Ortungssystem versagt und sie finden nicht zurück in den Ozean. Schließlich überhitzen sie, verhungern oder sie stranden und verenden an der Küste.

Wie verirren sich Wale in die Nordsee?

"Darüber wissen wir leider noch sehr wenig", sagt Ursula Siebert von der tierärztlichen Hochschule Hannover. Sie leitet das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung und ist an der Bergung der Tiere beteiligt. Es gebe verschiedene Vermutungen, weshalb die Wale von ihrer Route abkommen. So gebe es beispielsweise Theorien, die Veränderungen im Magnetfeld der Erde als Ursache vermuten. Im Jahr 2005 veröffentlichten zwei Forscher Hinweise darauf. So fielen 90 Prozent der bis dahin dokumentierten Pottwalstrandungen in der Nordsee in Zeiträume, in denen auch eine erhöhte Sonnenaktivität gemessen worden war (Vanselow und Ricklefs, 2005). Die Sonne beeinflusst dabei das Magnetfeld der Erde, an dem sich die Wale wohl ähnlich wie Zugvögel auf ihren Reisen orientieren, so zumindest die Theorie.

Andere Theorien gehen davon aus, dass die Geräusche von Ölplattformen oder Windkraftanlagen die Orientierung der Tiere stören könnten. Die Wale erzeugen Klicklaute deren Echos ihnen mögliche Hindernisse verraten. So orientieren sie sich in ihrer näheren Umgebung. Außerdem kommunizieren sie so auch mit anderen Tieren ihrer Gruppe. Laute Geräusche können diese Kommunikation stören oder die Tiere in Panik versetzen.

Die Vermutungen haben bislang eines gemein: "Sie sind allesamt noch nicht ausreichend gesichert", sagt die Zoologin Siebert. Was nun wirklich hinter den Irrwegen der Wale steckt, sei unklar. "Wir arbeiten daran, mögliche Ursachen auszumachen."

Warum wurden direkt zehn Wale auf einmal gefunden?

Pottwale sind meist in Gruppen unterwegs, deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass gleich mehrere Tiere angetrieben werden. Auch stranden die Tiere meistens im Winter, da sie sich zu dieser Zeit eben auf Wanderschaft befinden. Dafür sprechen auch die dokumentierten Walstrandungen aus der Vergangenheit.

Bei einigen der nun gestrandeten Tiere handelt es sich um junge Bullen. Die männlichen Wale bilden oft eine eigene Wandergruppe und sondern sich von den größeren Gruppen aus Muttertieren und Kälbern ab.

Ist es ungewöhnlich, dass Pottwale angetrieben werden?

Nein. Schon seit dem 16. Jahrhundert wird von Walstrandungen berichtet. "Seit 1990 sind ungefähr 70 bis 80 Pottwale rund um die Nordsee angetrieben worden", sagt Siebert. Auch die Nationalparkverwaltung spricht von etwa 80 Tieren.

Im Winter 1996 waren insgesamt sogar 20 Pottwale an dänischen Küsten verendet. "In den letzten Jahren ist es einfach nicht vorgekommen, warum wissen wir nicht genau", sagt die Zoologin. Grundsätzlich sei es sogar ein gutes Zeichen, wenn mehr Wale stranden: "Es deutet darauf hin, dass das Verbot des Walfangs und der Walschutz etwas gebracht haben und es wieder mehr Pottwale gibt", sagt Siebert.

Viel häufiger als Pottwale werden übrigens Schweinswale angetrieben. Das liege aber daran, dass sie in der Nordsee heimisch sind und somit generell viel häufiger vorkommen.