Ob Hering, Alaska-Seelachs oder Kabeljau, Thunfisch, Rotbarsch oder Makrele: Die Deutschen lieben Fisch. Pro Jahr verspeist jeder von ihnen im Schnitt 14 Kilogramm davon. Eine gehörige Menge also, Spitzenreiter aber sind sie damit bei Weitem nicht. Um dem weltweiten Bedarf gerecht zu werden, ziehen Fischer jährlich Millionen Tonnen Meerestiere aus den Gewässern. Die Bestände sind bedroht – und zwar stärker, als gedacht. Denn nun zeigt eine aktuelle Studie: Mit großer Wahrscheinlichkeit landet in den Netzen über 50 Prozent mehr Fisch als bislang angenommen.

Eine der wichtigsten Datensammler ist die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Seit Jahrzehnten tragen die Mitarbeiter die Fischereidaten ihrer 194 Mitgliedsstaaten über Fangmengen, Fischkonsum und Fischereiwirtschaft zusammen. Ihre Berichte sind grundlegend für politische Entscheidungen zum weltweiten Fischfang. Doch nun stellt eine Studie in Nature Communications die Glaubwürdigkeit der Zahlen infrage (Pauly & Zeller, 2016).

"Wir haben die Gesamtmenge an gefangenem Fisch und Meeresfrüchten in mehr als 200 Ländern zwischen den Jahren 1950 und 2010 aus verschiedensten Datenquellen rekonstruiert", sagt Erstautor Daniel Pauly. Mit besorgniserregendem Ergebnis: Stimmt die Rekonstruktion, dann lagen die tatsächlichen Fangmengen über 60 Jahre hinweg im Schnitt 53 Prozent höher als die von der FAO angegebenen Werte. "Nach der FAO-Statistik stieg der weltweite Fang 1996 auf ein Maximum von 86 Millionen Tonnen. Wir dagegen kommen für 1996 auf 130 Millionen Tonnen", sagt der Biologe. Danach, bis 2010, ist der Rekonstruktion zufolge die Fangmenge mehr als drei mal so schnell gefallen wie die FAO es angibt. Es wurde aber nicht weniger gefangen, weil sich ein Bewusstsein für den Tierschutz durchgesetzt hat, sondern weil die Bestände so stark zurückgegangen waren, dass weniger im Netz landete.

Sollte die UN-Organisation tatsächlich solch eine Fehleinschätzung geliefert haben? Oder sind es doch die Zahlen von Pauly und seinem Kollegen Dirk Zeller, die fragwürdig sind? 

Fest steht: Pauly und Zeller haben die Daten mit Hilfe aus aller Welt zusammengetragen. Die beiden Forscher sind die Leiter des wissenschaftlichen Projekts Sea Around Us. 1999 wurde es von der University of British Columbia gegründet. Pew Charitable Trust, die für Meinungsumfragen bekannt sind, finanziert es. Seit 2014 wird es von der Paul G. Allen Family Foundation gefördert. Die Teilnehmer haben sich damals bewusst der Mammutaufgabe angenommen, rekonstruierte Schätzungen für Fischfangmengen in mehr als 200 weltweiten Fanggebieten bei Meeresforschern zu beauftragen und die Ergebnisse zusammenzutragen. Das Resultat ist die heute veröffentlichte Studie.

"Die Kritik gebührt nicht der FAO", sagt Rainer Froese vom Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung in Kiel. Gemeinsam mit Kollegen hat er die Rekonstruktion für das Fanggebiet IVb (Nordsee) erstellt. "Das Problem liegt bei den Mitgliedsstaaten, die ihre Fangzahlen an die FAO und andere Institutionen weitergeben." Bisher werden fast ausschließlich die Anlandungen – das, was die Fischer an Land bringen – gewogen und über deutsche Zwischenstellen an die FAO weitergegeben. "Dabei werfen die kommerziellen Fischer aber große Mengen Beifang tot oder halbtot zurück ins Meer", sagt Froese. Der taucht in den Zahlen nicht auf. Außerdem blieben in Wirtschaftsnationen die Zahlen aus der Sportfischerei gänzlich unberichtet und in Entwicklungsländern, was von der Angel in den Mund gelangt.

Das Team von Sea Around Us dagegen hat alle genannten Faktoren miteinbezogen. Für das Fanggebiet IVb (Nordsee) stützen Froese und seine Kollegen sich auf wissenschaftliche Studien zu Fangzahlen in der Kleinfischerei, zum Beifang und auf Berichte von Sportfischer-Verbänden. Daten für Jahre ohne zuverlässige Berichte schätzten sie anhand der Werte der Jahre zuvor und danach. In die FAO-Statistiken dagegen gehen Jahre ohne Zahlen für bestimmte Fischarten mit einer Null ein, was den Mittelwert der Statistik nach unten zieht.

Die FAO hat Tonnen an Nordseekrabben übersehen

Das Ergebnis der Forscher zeigt, dass bei Weitem nicht nur Entwicklungsländern das Zählen von Fischen Schwierigkeiten bereitet: "Der rekonstruierte Gesamtfang im Fanggebiet IVb von 8,5 Millionen Tonnen von 1950 bis 2010 liegt etwa 63 Prozent über der Menge der Anlandungen", die an die FAO und andere Institutionen berichtet wurden, schreiben die Autoren. Den größten Anteil an dieser Verzerrung mache der Fang von Krustentieren aus, wie Nordseekrabben. "Krabben leben in den Kinderstuben von Plattfischen, wie der Scholle." sagt Froese. In den Siebvorrichtungen blieben diese Fische zusammen mit den Krabben, die groß genug sind, hängen. Auch deshalb liege der Beifang in manchen Studien zur Krabbenfischerei bei bis zu 80 Prozent, sagt Froese. Das sind Tonnen an Tieren, die nicht in der Statistik auftauchen.

Europas Fangquoten sind zu hoch

Nun basieren die Fangquoten der EU zwar nicht auf FAO-Daten, sondern auf Bestands- und Fangzahlen der ICES, einem Verbund von mehr als 4.000 Wissenschaftlern aus rund 350 Meeresforschungsinstituten in 20 Mietgliedsstaaten, der Daten und Interpretationen zur Gesundheit der Fischbestände abgibt. Doch auch die ICES basierte ihre Vorhersagen für Fischbestände lange auf den reinen Daten, die die Länder ihnen zur Verfügung stellten. "Erst seit wenigen Jahren hat die ICES Korrektur-Faktoren eingeführt, weil sonst der Rückgang mancher Fischbestände nicht mehr erklärbar gewesen wäre", sagt Froese. Dennoch liegen die Zahlen deutlich unter denen, die Pauly und Zeller nun veröffentlichten. Die EU-Agrarminister debattieren somit auf der Grundlage ungenauer wissenschaftlicher Einschätzungen.

"Das große Problem ist aber, dass bestehende Regeln nicht eingehalten werden. Von Fischern, den EU-Staaten und der EU-Kommission" sagt Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace. Die Fischer hielten sich nicht an die Fangzahlen, Methoden und Gebiete, die von der gemeinsamen Fischereipolitik der EU vorgegeben werden. Die EU-Staaten prüften nicht ausreichend und die Strafen für Kapitäne von Fischtrawlern seien zu gering. Zudem hat sich die EU-Kommission selbst jahrelang nicht an die Empfehlungen der ICES gehalten, so dass heute der Nordseekabeljau nahezu ausgerottet und wenn überhaupt noch in tieferen nördlichen Gebieten zu finden ist.

14 Kilogramm Fisch isst der Deutsche im Durchschnitt pro Jahr

"Die Studie von Pauly und Zeller zeigt, dass die Fischbestände seit 1996 weltweit viel schneller zurückgehen als berichtet", sagt Maack. "Einen großen Teil daran tragen wir Europäer als größter Importeur von Fisch weltweit." Tatsächlich ist dem EU-Fischmarktreport von 2015 zufolge die europäische Union mit 24 Prozent Anteil am Weltmarkt der größte Netto-Importeur von Fisch. Nur 44 Prozent des in Europa konsumierten Fisches stammen aus europäischen Gewässern.

Pro Jahr verspeisen allein die Deutschen 14 Kilogramm Fisch pro Kopf und landen damit auf Platz 20 im Vergleich der europäschen Länder. Das berichtete EUMOFA, das European Market Observatory for Fisheries and Aquaculture Products, im Jahr 2011. Portugal liegt mit mehr als 56 Kilogramm pro Kopf ganz vorne. Von den rund 12 Millionen Tonnen Fisch, die so jährlich auf dem europäischen Markt bleiben, kommen 75 Prozent aus der Fischerei, der Rest aus der Fischzucht – meist aus China.

"Um auf eine nachhaltige Menge zu kommen, müssten wir die Menge auf etwa acht Kilogramm pro Kopf begrenzen, wobei unterschiedliche Fische aus unterschiedlichen Regionen mehr Schutz brauchen, als andere", sagt Maack. Dazu bräuchte es internationale Meeresschutzgebiete. Auch Pauly ist überzeugt: "Wir sollten den Beständen Zeit geben sich zu erholen."

Ruhe ist für die Bewohner der Weltmeere aber nicht zu erwarten. Weltweit, vor allem in Asien, werden immer größere und effizientere Fischerei-Schiffe gebaut. Der Bedarf an Fisch steigt. Und die bisherigen Fangquoten waren längst nicht streng genug. Pauly hofft daher, dass die neuen Daten internationale Abkommen fördern, sowie angemessene Fangquoten auch in anderen Weltregionen. Froese findet, der Fang müsse darüber hinaus deutlich selektiver werden. Das erhöhe auch die Qualität, denn "ein Kabeljau wird mit einem Grundnetz schonmal fünf bis sechs Stunden mitgeschleift, bis er matschig ist". Und Maack hofft, dass die Kennzeichnungspflicht von Fischprodukten weiter ausgebaut wird, damit Konsumenten nachhaltigere Kaufentscheidungen treffen können.

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