An Tag eins nach Japans Megabeben zerfetzt eine Wasserstoffexplosion die Außenhülle von Reaktorblock 1 des AKW Fukushima-Daiichi, an Tag zwei detoniert das Betongebäude von Reaktorblock 3, zwei Tage darauf fliegen Teile von Block 4 in die Luft. Fukushima schreibt Geschichte als zweiter Super-GAU nach Tschernobyl. Am 11. März jährt sich die Japans Atomkatastrophe zum fünften Mal.

Monatelang bekommt die Tokyo Electric Power Company, kurz Tepco, die Lecks am AKW damals nicht unter Kontrolle, bringt ihre Arbeiter in Gefahr, informiert die Bevölkerung falsch und zaghaft. Tonnenweise radioaktives Kühlwasser fließt ins Meer, später finden Fischer missgebildete Tiere in ihren Netzen. Es sieht aus, als werde sich Japan nie wieder von dieser Katastrophe erholen. Die zerstörten Reaktoren werden zur tickenden Bombe. Was, wenn noch mehr Brennstäbe schmelzen? Was, wenn das nächste Beben kommt?

Heute, fünf Jahre später, geht die Sicherung der Anlage langsam voran. Die Kühlung funktioniert wieder. Erste Reaktoren sind einbetoniert, geschmolzene Brennstäbe zum Teil abgetragen.

Machen darf all das immer noch Tepco, unter strenger Aufsicht der Regierung. Obwohl das Unternehmen Arbeiter ausbeutete, Sicherheitsbestimmungen unterwanderte, Informationen zurückhielt und auch log, bis die Wahrheit sich nicht mehr verschweigen ließ. Der Grund? Es gibt einfach niemand anderen, der das Know-How, das Geld und die Infrastruktur dafür hätte. Es hat sich auch kein anderer freiwillig gemeldet.

Und so werkelt die Betreiberfirma seit dem GAU auf der Anlage herum. Immer wieder kommt es zu Pannen, darunter: Leckagen auf der Anlage, ausfallende Kühlkreisläufe, verwirrende Angaben über Strahlenwerte, tonnenweise belastetes Wasser, das ins Meer sickert, Arbeiter, deren Dosimeter falsch eingestellt und die länger als erlaubt im Einsatz sind – unter teils erheblichen Gesundheitsrisiken.

Nuklearkatastrophe - Zerstörung in Fukushima sorgt für Entsetzen bei Touristen Touristen sind schockiert vom Ausmaß der Verwüstung um das havarierte japanische Atomkraftwerk. Für viele ehrenamtliche Fremdenführer aus der Region ist ihre Tätigkeit indes eine Möglichkeit, ihr Trauma aufzuarbeiten.

Einen Schritt zurück, zwei Schritte vor

Doch wie sieht es mittlerweile auf der Anlage aus? Die Fortschritte sind angesichts der immensen Zerstörung erstaunlich.

Unmittelbar nach dem Seebeben vom 11. März 2011 fiel die Stromversorgung des AKW aus, die fatalerweise im unteren Bereich der Reaktorblöcke gelagerten Notstromgeneratoren wurden von Wassermassen weggespült, deren Wellen mit bis zu 14 Metern Höhe auf die Anlage trafen.

In den Reaktorblöcken 1, 2 und 3 heizten die Brennstäbe auf, das Kühlwasser verdampfte, die Temperaturen stiegen, bei etwa 900 Grad Celsius barst das Hüllrohrmaterial der Stäbe, die Kerne begannen zu schmelzen.

Das Gemisch reagierte mit Wasserstoff und Sauerstoff. Explosionen ramponierten die Blöcke 1, 3 und 4. Feuer entzündeten sich in Abklingbecken, das radioaktive Brennmaterial fraß sich bis in die Betonböden der Blöcke 1, 2 und 3. Der GAU. (Unfallablauf | Radiologische Folgen, GRS, 2015)

Mittlerweile gleicht das Gelände einer in speziellem Zement, Kies und Sand gehüllten Baustelle. Tausende Tonnen Geröll wurden beseitigt, teilweise strahlte der Schutt erheblich.

Derzeit arbeiten etwa 7.000 Menschen auf der Anlage. Grasflächen wurden zubetoniert, um das Versickern von Wasser zu verhindern. 

Wasser bleibt das größte Problem

Es dauerte Monate, einen einigermaßen funktionierenden Kreislauf herzustellen, um die Kernschmelzen und zerstörten oder beschädigten Brennstäbe in den Reaktoren zu kühlen.

Hunderttausende Liter Wasser werden mittlerweile Tag für Tag durch die maroden Blöcke gepumpt und wieder hinaus. Spezielle Filteranlagen reinigen das stark kontaminierte Wasser, auf etwa 30 Feldern stehen mehr als 1.000 meterhohe Tanks voller verseuchter Flüssigkeit. Rund 440.000 Tonnen sollen es Mitte 2015 bereits gewesen sein mit einem täglichen Zuwachs von etwa 400 Tonnen. Entsorgung? Ungewiss.

Seit dem GAU schon versucht Tepco, in die Anlage unterirdisch einströmendes Grundwasser aufzuhalten oder für den Kühlkreislauf zu nutzen. Immer wieder kommt es dabei zu Pannen. Im Sommer 2013 löste die nach der Havarie neu gegründete Atomaufsicht Alarm aus: Auf der Anlage waren mehr als 300.000 Liter (300 Tonnen) radioaktive belastetes Wasser über Wochen ausgelaufen und in den Untergrund und ins angrenzende Meer gesickert. Keiner will das zunächst bemerkt haben.