Die Debatte nimmt kein Ende, dabei steht die endgültige Entscheidung über eine Verlängerung der Zulassung kurz bevor: Das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist einem aktuellen Bericht zufolge nicht krebserregend. Es sei unwahrscheinlich, dass Glyphosat bei der Nahrungsaufnahme für Menschen ein gesundheitliches Risiko darstelle. Zu diesem Ergebnis ist nun das Fachgremium JMPR gekommen, das der Welternährungsorganisation und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) untersteht. Die Forscher scheinen damit Fachleuten einer anderen WHO-Agentur zu widersprechen. Das liegt vor allem an unterschiedlichen Schwerpunkten der Analyse.* 

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Seit Jahren setzt sich das JMPR damit auseinander, welche Schäden Glyphosat möglicherweise verursachen kann. Die lange Zeit gültige Meinung: Die Chemikalie stellt keine Gefahr für den Menschen dar. Dann aber veröffentlichte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) im März 2015 einen Bericht, demzufolge das Pflanzengift für den Menschen "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Forscher des JMPR beschlossen, das IARC-Material mit den ihnen vorliegenden Studien erneut zu vergleichen  – und kamen zum gegenteiligen und wie zuvor vertretenen Schluss: Glyphosat ist nicht krebserregend. Wie kann das sein?  

In einer Vielzahl unterschiedlicher Tests sei der chemische Stoff umfassend darauf getestet worden, ob er genetisches Material von Organismen schädigen kann, also "genotoxisch" ist, heißt es in dem nun vorgelegten Bericht des Fachgremiums. "Insgesamt legen die Beweise nahe, dass Glyphosat und verwandte Produkte in Dosen von bis zu 2.000 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bei oraler Aufnahme in den meisten Studien, die mit Säugetieren durchgeführt worden sind, zu keinerlei genotoxischen Effekten geführt haben."

Beachtet worden seien vor allem Studien an Tieren, die überhaupt erst Rückschlüsse auf ein mögliches Risiko für den Menschen schließen lassen. Man sei daher zu dem Ergebnis gekommen: "Es ist unwahrscheinlich, dass Glyphosat, das über die Nahrung aufgenommen wird, für Menschen krebserregend ist." Für Ratten sei dies ebenfalls auszuschließen, für Mäuse hingegen könne es in hohen Dosen krebserregend sein.

An dieser Stelle wird der Unterschied zur IARC deutlich: Die Forscher des JMPR haben versucht, ein konkretes Risiko abzuschätzen, gemessen daran, welche Mengen Glyphosat in die Umwelt gelangen und welcher Dosis der Mensch durchschnittlich ausgesetzt ist. Diesen Schwerpunkt hatten auch das Bundesinstitut für Risikobewertung und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit gelegt. Die IARC hingegen interessierte sich rein für die Substanz, nicht dafür, wie das Risiko je nach Anwendung aussieht.

EU stimmt diese Woche über Zulassung ab

Glyphosat ist der weltweit mit Abstand am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichter. Die EU stimmt in dieser Woche über die weitere Zulassung des Pestizids ab. Frankreich will dagegen votieren. In Deutschland streitet die Regierung mittlerweile darüber, ob die Zulassung von Glyphosat in der EU verlängert werden soll.

Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte angekündigt, die Ressorts der Sozialdemokraten würden eine Wiederzulassung in der EU ablehnen. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) sagte, er habe "überhaupt kein Verständnis für die Rolle rückwärts" von Hendricks.

Sollten die Ministerien kein Einvernehmen erzielen, wird sich Deutschland bei der Abstimmung enthalten. Derzeit ist unklar, ob in diesem Fall die benötigte Mehrheit für eine Verlängerung zustande kommt.

Zulassung für weitere neun Jahre erwartet

Nach einem EU-Entwurf soll Glyphosat für weitere neun Jahre zugelassen werden. Damit kam die EU-Kommission bereits Bedenken von Kritikern entgegen. Ursprünglich sollte die Nutzung von Glyphosat für weitere 15 Jahre genehmigt werden. Das EU-Parlament hatte sich dagegen für eine auf sieben Jahre befristete Wiederzulassung ausgesprochen.

Glyphosat wird seit den 1970er Jahren in der Landwirtschaft eingesetzt. Das Unternehmen Monsanto beispielsweise vertreibt es unter dem Markennamen Roundup und erzielte damit im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,8 Milliarden Dollar. Auch andere Konzerne produzieren das Mittel.

*Anm. d. Red.: An dieser Stelle war zuvor nicht sofort ersichtlich, warum beide Forschergruppen, zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind. Dies ist nun geändert, ein entsprechender Absatz weiter unten im Text ergänzt.