Lichtkegel schnellen durch die engen Gassen des Städtchens Amatrice, das seit Jahrhunderten am Gipfel des Monte Gorzano in Zentralitalien thront. Es ist noch dunkel in dem 2.800-Einwohner-Ort rund hundert Kilometer nordöstlich von Rom. Mit Taschenlampen durchleuchten Menschen Berge von Schutt, die sich in den engen Gassen aufgetürmt haben. Es ist wieder passiert. Ein Erdbeben hat Italien erschüttert.

Neben Amatrice wurden auch die Bergorte Accumoli, Pescara del Tronto und Arquata del Tronto schwer getroffen. Gebäude stürzten ein, mehr als hundert Menschen starben, viele wurden verletzt und weitere werden vermisst. Das Beben kam in der Nacht und dürfte etliche im Schlaf überrascht haben. Wie so oft nach solchen Unglücken fragen sich viele: Warum wurden die Bewohner nicht gewarnt? Müssten Behörden in der Region nicht in Alarmbereitschaft sein? Schließlich hatte ein Beben nur sieben Jahre zuvor im nahegelegenen Ort L'Aquila 308 Menschen getötet und Zehntausende obdachlos gemacht.

Erdbeben – bis heute nicht vorhersagbar

Bis heute sind selbst Wissenschaftler machtlos, wenn es darum geht, ein Erdbeben zeitlich vorauszusagen. "Wir können aus historischen Daten recht gut abschätzen, wo es mit welcher Magnitude beben wird", sagt der Geologe Onno Oncken vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. "Aber keine Technik kann den genauen Zeitpunkt vorhersagen." Frühwarnsysteme springen erst an, wenn sich ein Beben bereits ereignet hat. Nur vom Epizentrum weiter entfernte Gebiete können so gewarnt werden. Viel Zeit bleibt dabei nicht. Manchmal reicht sie, um zum Beispiel Kraftwerke noch abzuschalten, ehe die Erdstöße sie erschüttern.

Schwere Beben ereignen sich insbesondere an den Rändern tektonischer Platten (hier eine Grafik der gefährdetsten Gebiete der Erde). Unser Planet hat nämlich keine durchgehende Oberfläche, sondern der Erdkern wird von Bruchstücken einer unterbrochenen Kruste umhüllt. Diese Stücke sind die tektonischen Platten, die sich ständig bewegen und aneinander reiben. Ungefähr an der Grenze zwischen Europa und Afrika treffen zwei davon aufeinander: die eurasische, auf der Europa liegt, und die afrikanische.

Verkeilte Erdplatten – direkt unter Italien

Die Grenze zwischen beiden verläuft nicht gerade. An der afrikanischen Platte hängt ein Fortsatz, Adriatischer oder auch Apulischer Sporn genannt, der sich in die eurasische Platte schiebt. Die westliche Grenzfläche zwischen Sporn und eurasischer Platte liegt genau unter Italien. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass das Land von Erdbeben erschüttert wird – mal leichter und mal schwerer. Der Verlauf des Sporns lässt sich am Gebirgszug Apennin ablesen, den er an seinem Westrand vor sich herschiebt. Am Nordrand drückt er übrigens die Alpen, am Ostrand die Dinariden Richtung Europa. Und das konstant.

"Die tektonischen Platten stehen nie still, auch wenn wir nicht immer merken, dass sie beben", sagt Geologe Oncken. Dass Erdstöße in verschiedenen Regionen unterschiedlich stark ausfallen, liege an den Geschwindigkeiten, mit denen die Bruchstücke der Erdkruste unterwegs sind: Die eurasische und die afrikanische Platte bewegen sich etwa mit sechs Millimetern pro Jahr aneinander vorbei. Das ist recht langsam.

Zum Vergleich: Die Nazca-Platte, ein Teil des Untergrundes unter dem Pazifik, schiebt sich mehr als zehnmal so schnell unter Südamerika. Ein Spannungsfeld, das Vulkane wachsen lässt. Deshalb werden die Außengrenzen der unter dem Ozean liegenden Nazca-, Cocos- und pazifischen Platte auch als pazifischer Feuerring bezeichnet. "In Kalifornien schrammen nordamerikanische und pazifische Platte sogar mit zwei bis vier Zentimetern pro Jahr aneinander vorbei", sagt Oncken.

So viel Druck herrscht an den Rändern Europas nicht. Länder wie Deutschland liegen weit von den Grenzgebieten zwischen Platten entfernt. Deshalb bebt es hierzulande nur leicht. Länder an den Plattengrenzen, wie Italien, die Türkei oder auch Portugal, kann es schlimmer treffen.

Zumindest bautechnisch könnte man sich vorbereiten. Doch letztlich geschehen Erdbeben in Europa zu selten, als dass Gemeinden dafür viel Geld ausgeben würden. Ein wirklich verheerendes Beben ist – bezogen auf eine einzelne Stadt oder einen Ort – nur alle paar Hundert Jahre zu erwarten. Und gerade in jahrhundertealten Siedlungen, wie der jetzt schwer getroffenen Bergregion Zentralitaliens, ist es unmöglich, die komplette Stadtplanung nachträglich auf Erdbeben auszurichten. Ein Problem, das auch Metropolen haben.

Wie Istanbul zum Beispiel. Oder Lissabon. Dort ereignete sich das letzte verheerende Beben vor mehr als 250 Jahren und es mag scheinen, als hätten sich die Platten dort beruhigt. Doch Geologen wie Onno Oncken wissen: "Ruhe gibt es nicht." Es kann in Europa jederzeit zu einem schweren Beben kommen. Mit Pech liegt das Epizentrum mitten in einer Großstadt.