Eishaie können mehr als fünf Meter groß werden – wenn sie lange genug leben.

Nielsen und seine Kollegen haben sich deshalb etwas anderes zu Nutze gemacht: den Kernwaffen-Effekt. Als die Menschheit zwischen 1945 und 1963 begann, Atomwaffen zu testen, haben sie dabei in kurzer Zeit große Mengen einer speziellen Form von Kohlenstoff (C12) freigesetzt: C14, auch Radiokohlenstoff oder Radiokarbon genannt. Es handelt sich dabei um eine instabile Variante, die nur langsam zerfällt, in die Ozeane gelangt ist und von dort in das Gewebe mariner Organismen.

Bis heute ist das Verhältnis von C14 zu C12 noch nicht wieder auf den Wert von vor 1945 gesunken. Es gibt für jedes Jahr Referenzproben, aufgrund der starken Schwankung lässt sich das Alter mit einigen Kunstgriffen datieren. "Wir haben etablierte Radiokarbonmethoden genutzt und sie neu kombiniert", sagt Nielsen in einer Pressemitteilung. So haben die Forscher Gewebe aus der linken Augenlinse einzelner Tiere entnommen, anschließend die Anteile von Kohlenstoff C12, C14 und des Stickstoff-Isotops N15 in den enthaltenen Proteinen bestimmt und diese schließlich mit den Referenzproben verglichen. 

Je größer, desto älter

Insgesamt haben Nielsen und seine Kollegen 28 weibliche Eishaie untersucht, die Fischern vor Grönland zwischen 2010 und 2013 aus Versehen ins Netz gegangen und tödlich verletzt worden sind. Die Tiere stammen aus Tiefen von rund 130 bis 1.100 Metern und waren zwischen 81 und 502 Zentimetern groß. Die Auswertung zeige: "Größe und Alter korrelieren positiv miteinander", schreiben die Forscher. Je größer ein Tier, desto älter.

Bislang waren Meeresbiologen davon ausgegangen, dass Eishaie bis zu einem Zentimeter pro Jahr wachsen. Die neuen Daten legen nahe, dass es mitunter deutlich weniger sind, die Größe also nur ein grober Richtwert für das Alter ist. Hai Nummer 10 etwa ist 327 Zentimeter lang und wurde geschätzt 108 Jahre alt, Nummer 20 misst 420 Zentimeter bei einem Alter von 185 Jahren und Nummer 28 – mit 502 Zentimetern der größte Proband – weilte 392 Jahre auf dem Planeten, beziehungsweise 120 Jahre weniger oder mehr. Je älter das Versuchsobjekt, desto größer die Schwankung.

Was hingegen nun als gesichert gilt: Nachwuchs können Eishaie erst ab einer Länge von zirka vier Metern bekommen. Erst mit 150 Jahren also können die Weibchen Mütter sein. Diese späte Geschlechtsreife macht die Tiere anfällig – da sind sich Jürgen Kriwet vom Institut für Paläontologie der Universität Wien, der nicht an der Studie beteiligt war und die Autoren einig. "Zu Tausenden enden sie als Beifang der Fischerei", sagt Nielsen. Das Überleben von Eishaien sei damit eindeutig gefährdet, es brauche vorsorglichen Schutz.

Es sei zwar bekannt gewesen, dass Eishaie alt werden. "Dass sie so alt werden, ist aber doch überraschend", sagt Kriwet. Langlebigkeit werde oft mit Körpergröße in Verbindung gesetzt. "Aber Grönlandhaie sind nicht die größten Haie, und auch nicht die einzigen, die in so kalten Gewässern leben", sagt Kriwet. Nun wäre es interessant, zu ergründen, warum diese Haie so lange leben.