Grönlands Eisschild schmilzt überraschend stark: Neue Berechnungen zeigen, dass seit 2004 jährlich knapp 20 Milliarden Tonnen mehr geschmolzen sind als angenommen. Denn ein wichtiger Faktor wurde bisher übersehen, wie Forscher nun berichten (Science Advances: Khan et al., 2016).

Vor mehr als 20.000 Jahren lag Nordeuropa unter einer kilometerdicken Eisschicht begraben. Sie reichte von Grönland und Skandinavien über die Ostsee bis nach Deutschland. Damals drückten die schweren Eisschilde Teile der Erdkruste tief in den darunterliegenden Erdmantel. Als sich die Erde dann vor knapp 11.000 Jahren langsam wieder erwärmte und die Eisschicht dünner und leichter wurde, schob sich die Erdkruste langsam wieder zurück. Forscher nennen dieses Phänomen postglaziale Landhebung.

Mithilfe eines dichten Netzes von GPS-Beobachtungspunkten konnten Wissenschaftler diese Landhebung in Grönland nun erstmals direkt messen. Das Ergebnis des Teams um den Geodäsie-Forscher Shfaqat Abbas Khan: Die Landhebung verlief anders als bisher angenommen. Die Forscher hatten nicht bedacht, dass sich unter Grönland vor Millionen von Jahren ein geologischer Hotspot befunden hatte, ein heißer Bereich unter der äußeren Erdschicht, der beispielsweise dafür sorgt, dass Vulkane entstehen. Das jahrtausendelange Aufheizen des Untergrunds bewirkte, dass Grönlands äußere Erdschicht dünner wurde, das wiederum hat die Landhebung beeinflusst. Die aktuellen Messungen entlarvten damit eine der Grundlagen als falsch, mit denen Wissenschaftler die Dicke der grönländischen Eisschicht bisher bestimmt hatten.

Schmelzendes Eis ließ den Meeresspiegel deutlich ansteigen

Die neuen Erkenntnisse nahmen Khan und seine Kollegen in ihre Berechnungen auf. Demnach sind in Grönland zwischen 2004 und 2015 jedes Jahr 272 Milliarden Tonnen Eis geschmolzen, statt wie bisher angenommen 253 Milliarden Tonnen. Die Berechnungen zeigen zudem, dass Grönland einen größeren Anteil am Anstieg des Meeresspiegels seit dem Ende der letzten Eiszeit hat als bisher gedacht. Rund vier Meter statt drei Meter mehr seien es wegen des Grönlandeises. Im Vergleich zum Beitrag des übrigen Eises auf dem nordamerikanischen und eurasischen Kontinent, ist das zwar ein geringer Anteil, für die Forschung ist es aber wichtig, das zu wissen.

"Die Unterschiede sind signifikant", sagt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die neuen Erkenntnisse könnten in Zukunft dabei helfen, die Berechnung solcher Eisschichten weiter zu verbessern, sagt der Klimaphysiker, der nicht an der Studie beteiligt war.

Besonders starke Abweichungen zu vorherigen Berechnungen fanden die Wissenschaftler im Nordwesten und Südosten Grönlands. Dort reichen die Gletscher bis in den Ozean – man kennt die Bilder von Eismassen, die ins Meer stürzen. Die Forscher vermuten nun, dass die Regionen noch empfindlicher auf den Klimawandel reagieren als bisher gedacht.

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Ban Ki Moon UN-Generalsekretär

Ban Ki Moon UN-Generalsekretär

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Das stimmt. Allerdings soll Europa nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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Das deckt sich mit den jüngst veröffentlichten Erkenntnissen anderer Forscher. So hat das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi) Anfang der Woche verkündet, die Meereseisfläche in der Arktis sei diesen Sommer massiv geschrumpft. "Das Eis ist bis in die Zentralarktis um den Nordpol hinein getaut", sagt Klimaforscher Klaus Grosfeld vom Awi. Ein Beweis dafür, wie angegriffen das System sei. "Das Meereis in der Arktis ist ein deutlicher Indikator für die Auswirkungen der globalen Erwärmung", sagt Grosfeld.

Die Eisfläche in der Arktis reduzierte sich nach Auswertungen des Awi und der Universität Hamburg im September auf eine Größe von knapp 4,1 Millionen Quadratkilometern. Kleiner war sie nur nach der Rekordschmelze im Jahr 2012. Die Einschätzungen beruhen auf Auswertungen von Satellitenbeobachtungen sowie Flugzeugmessungen im Sommer. "Die Kollegen der Meereisphysik sind derzeit an Bord des Forschungseisbrechers Polarstern in der Arktis, um weiter Daten zu erheben und Messsysteme zu installieren", sagt Grosfeld.

Solche Messungen vor Ort sind wichtig. Viele aktuelle Modelle sind aufgrund der Vielzahl an Faktoren noch wackelig. Je mehr Daten es gibt, desto stabiler werden sie. Das wiederum ermöglicht präzisere Vorhersagen über die Folgen des Klimawandels.