Sind Giraffen nicht alle gleich? Langhalsig und -wimprig, gescheckt, erhaben – so durchziehen die Paarhufer die Grassteppen südlich der Sahara, recken ihre Hälse nach hoch hängenden Akazienblättern, nicht ohne alle paar Sekunden aufzuschauen, den Blick in die Ferne gerichtet: Es könnte ja ein Löwe angreifen.

Allein wegen ihrer Erscheinung blieb die Existenz von Giraffen Naturforschern nicht lange verborgen. So wussten sie einiges über die Säugetiere: Warum sie im Stehen schlafen, wieso sie breitbeinig trinken, wie sie ihr Gehirn trotz des langen Halses mit ausreichend Sauerstoff  – also Blut – versorgen und, ja, seit Kurzem ist sogar bekannt, dass Giraffen sprechen können (BioMed Central: Baotic et al., 2015) oder zumindest so etwas Ähnliches (ZEIT ONLINE berichtete).

Nur was diese Tiere eigentlich sind – das wusste man nicht so genau, ehe ihr Erbgut nicht bis ins Detail entziffert wurde. Erst jetzt haben Forscher die Gene von mehr als 100 Exemplaren aus allen wichtigen Giraffenpopulationen der Erde genau untersucht und verglichen. Die Überraschung: Giraffen zählen nicht alle zur selben Art. Ab sofort gelten die Südgiraffe (Giraffa giraffa), die Massaigiraffe (G. tippelskirchi), die Netzgiraffe (G. reticualata) und die Nordgiraffe (G. camelopardalis) als eigene Spezies.

Die Gewebeproben für die Genanalyse hatte eine Schutzorganisation – die Giraffe Conservation Foundation – innerhalb der vergangenen zehn Jahre gesammelt, darunter auch in entlegenen Gebieten und sogar in Bürgerkriegsregionen. Die DNA wurde anschließend von einer Gruppe um Axel Janke, Genetiker und Zoologe der Senckenberg-Gesellschaft, untersucht, das Ergebnis im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht (Janke et. al., 2016).

Es geht um Sex

Zwei Gruppen von Tieren gelten dann als verschiedene Arten, wenn sie sich untereinander in freier Wildbahn nicht mehr paaren. Genau dieses Kriterium erfüllen die vier, sagte Janke. Das sei aus dem Erbgut erkennbar.

Bisher unterschieden sich neun Unterarten. Bestimmt wurden die Tiere traditionell anhand ihrer Fellzeichnung, dem Aussehen der Hörner und ihres Verbreitungsgebietes. All das müssen Forscher nach den neusten genetischen Untersuchungen revidieren.

Die Rothschild-Giraffe entfällt leider

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné beschrieb 1758 die erste Giraffe, die damit einen offiziellen lateinischen Namen bekam. Entdeckt hatte er sie nicht in freier Wildbahn, sondern in 200 Jahre alten Aufzeichnungen. Weil sie auf den Zeichnungen etwas bucklig wie ein Kamel und so fleckig wie ein Leopard aussah, nannte er sie Giraffa camelopardalis (Kamel-Leopard). Sie wurde zur Namensgeberin aller Giraffen, die Nachfolger von Linné später in neun Unterarten aufteilten. Linnés Ur-Giraffe wurde damit zu einer eigenen Unterart, der Nubischen Giraffe (Giraffa camelopardalis camelopardalis). 

Im Zuge der großen Giraffenstudie wurde erstmals auch ihr Erbgut genau untersucht. Heraus kam: Sie ist nicht nur eine Unterart der Nord-Giraffe, sondern auch genetisch identisch mit der bisher einzeln aufgeführten Rothschildgiraffe, die ihren Namen abgeben muss und künftig auch Nubische Giraffe heißt (der Infokasten zeigt die neue Systematik im Überblick).