Italien erschüttert derzeit eine Katastrophe nach der nächsten: Erst im August hatte ein schweres Erbeben die Region um das Gran-Sasso-Massiv erschüttert, 300 Menschen starben. Die meisten Opfer gab es in dem Bergort Amatrice. Am Sonntag nun bebte in Mittelitalien erneut die Erde. So stark wie seit 1980 nicht mehr, hieß es. Wieder sind ganze Häuserzeilen zu Schutt zusammengefallen, Straßen unpassierbar geworden. Allein in der Region Marken sind 25.000 Menschen deshalb obdachlos. Ums Leben kam nach Informationen der Behörden diesmal niemand. Aber warum bebt es ausgerechnet unter Italien immer wieder?

Die Erdkruste bröckelt

Unser Planet hat keine durchgehende Oberfläche, sondern eine unterbrochene Kruste. Diese Bruchstücke sind tektonische Platten, die sich ständig bewegen, sich voneinander lösen oder aneinander reiben. Auf diese Weise entsteht an manchen Stellen in der Kruste ein großer Druck, der sich letztlich in Form von Beben entlädt, die sich wellenartig von einem Epizentrum ausbreiten. Weil es dort in Relation zum Rest der Welt besonders viel Bewegung gibt, ereignen sich schwere Beben insbesondere an den Rändern tektonischer Platten (Hier eine Grafik der gefährdetsten Gebiete der Erde sowie eine interaktive Karte, die zeigt, wo es seit 1960 besonders schwer bebte). 

Ungefähr an der Grenze zwischen Europa und Afrika treffen zwei Platten aufeinander: die eurasische, auf der Europa liegt, und die afrikanische. Die geologische Grenze zwischen Afrika und Europa verläuft sehr kompliziert. An der afrikanischen Platte hängt ein Fortsatz, Adriatischer oder auch Apulischer Sporn genannt, der sich in die eurasische Platte schiebt. Die westliche Grenzfläche zwischen dem Sporn und eurasischer Platte liegt genau unter Italien. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass das Land von Erdbeben erschüttert wird.

Die Apennin Halbinsel wird einerseits mit dem Adriatischen Sporn nach Nordosten geschoben und andererseits vom Tyrrhenischen Meer nach Südwesten gezogen, so dass Italien gewissermaßen pro Jahr um mehrere Millimeter breiter wird. Diese Verschiebungen können mit Hilfe von GPS direkt gemessen werden. Im Apennin Gebirge entstehen dadurch entlang der gesamten Halbinsel Dehnungsrisse, die beim plötzlichen Aufbrechen Erdbeben verursachen.

Wann wieder Ruhe einkehrt, ist unklar

Die Risse können wandern, wie ein Reißverschluss, der sich öffnet. Dieser Vorgang läuft zur Zeit in Italien ab. 1997 gab es ein Beben der Stärke 6,0 in Umbrien, 2009 folgte L'Aquila (6,3), dann im Sommer Amatrice (6,2). "Wann wieder eine Periode der Ruhe eintritt, ist nicht vorherzusagen", sagt der Seismologe Rainer Kind vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Man müsse weiter mit Nachbeben rechnen. Unklar ist zudem bislang, wie groß die Schäden des Bebens vom 30. Oktober sind. Dies versuchen Geologen nun herauszufinden.

Wie bestimmen Forscher das Zentrum eines Bebens?

Um künftige Bewegungen der Kruste zu verstehen, ist es wichtig, den Ursprung eines Bebens zu bestimmen. Das Epizentrum ist dabei der Ort auf der Erdoberfläche, das Hypozentrum hingegen der genaue Entstehungsort. Er liegt im Gestein senkrecht unterhalb des Epizentrums.

Ein weltweites Netz an Messstationen hilft, das Hypozentrum zu lokalisieren. Die Seismographen verschiedener Stationen registrieren zu unterschiedlichen Zeiten dieselben Wellen. Aus den Zeitdifferenzen können Geologen dann den Ursprung ermitteln.

Die Magnitudenskala ist logarithmisch

Hat sich ein Erbeben ereignet, geben Seismologen die Stärke mithilfe einer Magnitudenskala an. Sie beginnt mit 1 für schwache Beben und galt lange Zeit als nach oben hin offen. Ein Beben mit der Magnitude 7,0 bedeutet dabei zehnmal stärkere Bodenbewegungen als bei Magnitude 6,0.

Die Skala hat ihre Schwächen. So setzt die Natur der Magnitude Grenzen. Da die Erdkruste nur begrenzt aufgestaute Spannungen speichert, halten Seismologen eine Magnitude größer als 10 kaum für möglich. Außerdem lässt sich mit der Skala nur die Stärke, nicht aber die zerstörende Wirkung eines Erdbebens beschreiben. Wie schwerwiegend die Folgen sind, hängt nicht zuletzt davon ab, wie dicht das betroffene Gebiet besiedelt ist und wie stabil die Gebäude sind.

Was ist mit Deutschland?

Die nächsten Platten-Grenzgebiete sind weit entfernt. Deshalb bebt es in Deutschland nur selten und leicht. Allerdings reichen kleine Erschütterungen, um Bauten instabil zu machen. Eine Erdbebenzonenkarte des Geoforschungszentrums Potsdams und weiterer Institutionen zeigt, in welchen Regionen dies besonders wahrscheinlich ist und beispielsweise Häuser daher besondere Bauauflagen erfüllen müssen. Es gibt vier Zonen von 0 (keine Gefährdung) bis 3 (hohe Gefährdung).

Berlin etwa gehört bezogen auf die Koordinaten der Ortsmitte zu keiner gefährlichen Erdbebenzone. Hingegen liegt Stuttgart in Erbebenzone 1. Dort besteht ein relativ hohes Risiko, dass Erdbeben auftreten, die so stark sind, dass Gebäude beschädigt oder sogar zum Einsturz gebracht werden. Obwohl nur 45 Kilometer entfernt, gehört Tübingen aufgrund der Strukturen im Untergrund bereits zur höchsten Erdbebenstufe 3.

Vorhersagen lassen sich Erbeben nur schwer

Bis heute sind selbst Wissenschaftler machtlos, wenn es darum geht, ein Erdbeben zeitlich vorauszusagen. "Wir können aus historischen Daten recht gut abschätzen, wo es mit welcher Magnitude beben wird", sagt der Geologe Onno Oncken vom GFZ. "Aber keine Technik kann den genauen Zeitpunkt vorhersagen." Frühwarnsysteme springen erst an, wenn sich ein Beben bereits ereignet hat. Nur vom Epizentrum weiter entfernte Gebiete können so gewarnt werden.