ZEIT ONLINE: Hunderte Tote, schwere Verwüstungen: Hurrikan Matthew hat in der Karibik große Schäden angerichtet, an der US-Küste ist er immerhin mit Windgeschwindigkeiten von 175 Stundenkilometern vorbeigeschrammt. Was macht diesen Sturm so außergewöhnlich?

Anders Levermann: Die Daumenregel lautet: Zieht ein Hurrikan über warmes Wasser, wird er stärker, über kaltem schwächer. Trifft er auf Land, schwächt er sich gewöhnlich ab. Die Karibik aber vermochte diesen Sturm nicht aufzuhalten, denn die Wärme, die er dort aufnehmen konnte, war enorm. Nicht allein seine Stärke macht Matthew so besonders, sondern vor allem seine Folgen: Seit zehn Jahren gab es keinen so starken Hurrikan, der erst in der Karibik auf Land traf und sich dann an der amerikanischen Ostküste entlangschlängelte, sodass mehr als elf Millionen Amerikaner ihre Häuser verlassen und sich in Sicherheit bringen sollten.

ZEIT ONLINE: In der Region ist seit Juni offiziell Hurrikansaison. Das National Hurricane Center (NHC) in den USA arbeitet daher besonders aufmerksam. Die Meteorologen dort haben Matthew kommen sehen. Die Entstehung eines Hurrikans ist aber höchst kompliziert. Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit so ein Sturm sich bildet?

Von oben betrachtet ähnelt der Pfad jedes Hurrikans einem Hufeisen.
Anders Levermann, Klimaforscher

Levermann: Erste Voraussetzung ist ein warmer Ozean ab 26 Grad Celsius Wassertemperatur. Dazu kommen dann Scherwinde; hier bewegen sich die untere Lage in die eine, die obere in die andere Richtung. Diese Winde nehmen die Energie des Wassers auf, es bildet sich Wasserdampf, der herumgewirbelt wird und sich – je nach zur Verfügung stehender Energie – verdichtet und zum Wirbelsturm heranwächst.

ZEIT ONLINE: Das NHC versucht, die Entwicklung und den Weg des Sturms vorherzusagen. Mit welchen Daten arbeitet die Behörde?

Anders Levermann ist Professor für die Dynamik des Klimasystems an der Universität Potsdam und forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und der Columbia University in New York. © Karkow/PIK

Levermann: Im Groben folgen Hurrikane erst mal der mittleren Windrichtung. Das bedeutet, sie starten in den Tropen im Atlantik, ziehen dann Richtung Karibik und drehen ab in den Nordatlantik – von oben betrachtet ähnelt der Pfad einem Hufeisen. Tief- und Hochdrucksysteme führen allerdings dazu, dass der Hurrikan mäandert. Das ist gerade bei Matthew außergewöhnlich stark zu beobachten. Daher werten die NHC-Mitarbeiter Satellitendaten aus, um etwa die Windgeschwindigkeiten, Luftfeuchtigkeit und Regenmenge zu bestimmen. Diese Daten speisen sie dann in Wettermodelle ein und können so die Stärke und den schlauchförmigen Pfad des Hurrikans für eine kurze Zeit vorhersagen. Für die tatsächliche Vorhersage werden die leistungsfähigsten Computer herangezogen.

ZEIT ONLINE: Sprechen wir hier von Stunden oder Tagen?

Levermann: Von zwei, drei Tagen. Auf Bildern ist gut zu erkennen, wie der Schlauch mit der Zeit immer breiter wird, was die Unsicherheit zeigt. Für den Vorhersagezeitraum von 2-3 Tagen verdickt sich dieser Unsicherheitsschlauch von etwa 100 auf 1.000 Kilometer.