Der Irawadi-Delfin ist ein Wesen, das in Legenden eingegangen ist. Eine beliebte Geschichte: Auf dem Weg von Laos nach China verirrte sich die schöne Prinzessin Sida in der weit verzweigten Flusslandschaft des Mekong. Drei Jahre trieb sie mit ihrem Gefolge und einer Vielzahl geschätzter Tiere an Bord umher, der fischreiche Fluss sicherte ihr Überleben. Eines Tages fanden sie sich an den Mekong-Wasserfällen wieder und fragten sich: Sollten sie dem Strom folgen oder umkehren und einen anderen, sicheren Weg suchen?

Um es kurz zu machen: Sida hörte auf einen Hahn, der als einziger für die Weiterfahrt plädiert hatte, das Boot versank und die Prinzessin verwandelte sich in einen Nok Sida – einen fischfressenden Vogel – den es übrigens in der Natur wirklich gibt. Ihr einziger männlicher Bediensteter hingegen wurde zum Irawadi, der sie fortan mit Nahrung versorgte.

Derlei Zusammenspiel der Tiere ist noch heute zu beobachten. Wann immer ein Irawadi-Delfin auftaucht, sind fischfressende Vögel nah. Denn wo einer der Meeressäuger den Kopf emporreckt, sind Fische nicht weit. Schon bald aber droht der Delfin selbst zur Legende zu werden.

6.000 Exemplare gibt es derzeit noch weltweit. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN führt den Irawadi, der zu den Walen zählt, als gefährdete Art. Auf dem Papier ist die Lage damit bedrohlich, nicht verzweifelt – in der Natur schon. Das Problem: Hunderte Irawadi leben zersplittert in Gruppen und Untergruppen. Besonders schutzlos ist die Population des Mekong, der durch sechs Länder in Südostasien fließt. 4.000 Kilometer Fluss stehen den Mekong-River-Delfinen zur Verfügung, doch nur auf 190 Kilometern finden sie sich noch. Und selbst dort leben sie getrennt in neun Regionen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere die nächsten Jahrzehnte überleben, ist gering.

Menschen, die in der Region groß geworden sind, erinnern sich aus Kindertagen an den kurzschnäuzigen Delfin mit dem charakteristischen Grinsen und der wulstigen Stirn. Zu Tausenden waren die Tiere durch den Fluss gezogen, bis die Bestände in den 1970er Jahren drastisch schrumpften, unter anderem weil Kambodschaner sie für ihren Tran – ein natürliches Öl aus dem Fettgewebe der Meeressäuger – jagten. Heute, das fanden Forscher in Umfragen vor Ort heraus, weiß kaum ein Kind, was ein Irawadi ist. Die Tiere sind zwar enorm anpassungsfähig, können sowohl in Süßwasser als auch in salzigen Küstengebieten überleben, aber sie sind auch empfindlich. Orcaella brevirostris stand lange Jahre unter starkem Druck.

Der Rückgang der Delfine zeigt, wie schlecht es dem Fluss geht

In ganz Laos leben nur noch drei dieser besonderen Delfine – jedenfalls sind sie die einzigen, von denen Biologen wissen. Dieses Trio erklärte die Umweltorganisation WWF bereits für ausgestorben – die Mekong-River-Gruppe in Laos sei verloren. Nach Ansicht von Biologen sind drei Tiere zu wenige, ihr Genpool zu klein, als dass von ihnen noch überlebensfähiger Nachwuchs zu erwarten wäre. Außerdem pflanzen sich Irawadi-Delfine nur alle zwei bis drei Jahre fort und brauchen lange, um ihre Jungen auszutragen.

"Orcaella brevirostris" ist laut Daten der IUCN, 2008, in verschiedenen Gebieten Südostasiens verbreitet (The IUCN Red List of Threatened Species. Version 2016-2).

Laut Gesetz dürfen die Delfine in Laos längst nicht mehr gejagt, gefangen und gehandelt werden, bei einem Verstoß drohen Strafen von umgerechnet bis zu 650 US-Dollar. Aber das Verbot kam zu spät, zu viele Tiere des Landes waren bereits gestorben. Rücksichtslose Fischerei, Umweltverschmutzung und Zerstörung des Lebensraums haben sie in den Tod getrieben.

Mit den Delfinen verschwindet nicht nur ein bedeutender Räuber, sondern auch eine Top-Touristenattraktion der Region. "Die Anwohner verlieren damit überlebenswichtige Einnahmen", sagt Isabel Beasley von der James-Cook-Universität in Australien. Die Biologin hat im Jahr 2005 an der Zählung der Irawadi-Delfine im Mekong mitgewirkt, an der sich die IUCN orientiert (Smith und Beasley et al., 2005).