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Postfaktisch. Das wird das Wort des Jahres. Warum? Unter anderem, weil Briten für den Brexit stimmten und Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten wählten – und zwar mehr von Emotionen geleitet als von Tatsachen. Selbst offensichtliche Lügen schienen den Wählern egal zu sein. "Wir wissen ja, dass Trump nicht alles macht, was er erzählt", argumentierten einige. "Hauptsache, es sagt mal einer was." Ist das der Zeitgeist? Fühlen statt Wissen?

Pflanzlich, homöopathisch, wirkungslos

Wer glaubt, uns Deutschen läge es als aufgeklärte Wissenschaftsnation fern, sich Wahrheiten derart vehement zu widersetzen, der vergegenwärtige sich Folgendes: 60 Prozent aller Bundesbürger haben schon homöopathische Mittel genommen. Tendenz steigend. Neun von zehn davon geben an, sie hätten ihnen geholfen (Allensbach-Umfrage, 2014 – hier als PDF). Dabei gibt es keinerlei wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Homöopathie. Was nicht heißen muss, dass der Einzelne sich nicht besser gefühlt haben mag dank Globuli oder Tröpfchen. Nur hat das eben nichts mit Wissenschaft und Evidenz zu tun. Sondern mit Gefühl.

Alle bisherigen Studien haben gezeigt: Die auf extremer Verdünnung basierenden Mittel – hergestellt nach den Theorien des deutschen Samuel Hahnemann aus dem 18. Jahrhundert – haben keinen Effekt auf die Gesundheit, der über den eines Scheinmedikamentes (Placebo) hinausginge. Die aktuellste Übersichtsstudie im Auftrag der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC kam 2015 nach der Auswertung von mehr als 1.800 Homöopathie-Studien zu einem vernichtenden Ergebnis: Bei keinem denkbaren Leiden könne ein homöopathisches Mittel zur Therapie empfohlen werden (hier der NHMRC-Bericht als PDF). Wer zugunsten der Homöopathie auf klassische Mittel verzichte, bringe sich sogar in Gefahr.

Manchen Deutschen scheint das egal zu sein. Sie vertrauen Homöopathen stärker als Ärzten und selbst gemachte Erfahrungen zählen für sie mehr als klinische Studien. In keinem Land der Erde ist Homöopathie so beliebt wie hierzulande – und wird zudem noch von Krankenkassen finanziert.

Wo Placebos drin sind, sollte das draufstehen

In den USA will die Wettbewerbsbehörde, die Federal Trade Commission (FTC), Verbraucher nun stärker aufklären. Deshalb müssen Hersteller homöopathischer Mittel dort künftig entweder beweisen, dass ihr Produkt gegen irgendein Leiden wirkt – dann gilt es als Medikament und unterliegt derselben strengen Arzneimittelkontrolle. Oder aber sie müssen auf die Packungen schreiben, dass es keine erwiesene Wirkung hat oder die genannten Behauptungen nur auf den homöopathischen Theorien aus dem 18. Jahrhundert basieren, an denen heutige Wissenschaftler erhebliche Zweifel haben. Ein Vorstoß, der auch für Deutschland und die EU wünschenswert wäre.

Hierzulande darf auf homöopathischen Mitteln zwar nicht stehen, gegen was sie angeblich helfen, doch weder ein Wirknachweis ist für jedes dieser Mittel vorgeschrieben noch ein Hinweis darauf, dass dieser nicht erbracht wurde.

Was Kassen zahlen, muss doch wirken?

Nach geltenden EU-Vorschriften müssen homöopathische Mittel zwar in ein Register eingetragen, auf Qualität und Sicherheit geprüft und dürfen nur in Apotheken verkauft werden. Aber das vereinfachte Zulassungsverfahren erlaubt auch Mittel auf dem Markt, die nicht gesondert getestet wurden: Es reicht dann, wenn nach jahrelanger Anwendung keine Probleme damit aufgetreten sind.

Dabei können auch homöopathische Mittel durchaus gesundheitlich bedenkliche Inhaltsstoffe enthalten oder bei falscher Anwendung Schaden anrichten.

Mittel, die Heilpraktiker selbst anrühren, müssen nicht einmal angemeldet werden. Etwas, das – wie zuletzt in Brüggen – dazu führen kann, dass Menschen sterben. Dass homöopathische Mittel neben verschreibungspflichtigen Arzneien in den Regalen deutscher Apotheken liegen, von Ärzten empfohlen werden und sogar von Krankenkassen bezahlt, verstärkt den Eindruck, es handele sich um wirksame Medizin.

Die Annahme, alles Homöopathische sei pflanzlich, ist genauso falsch wie die, alles Pflanzliche sei schonend. Rein pflanzliche Arzneien können hingegen durchaus wirksam sein, wie Studien zeigen.

Wirbt ein Hausarzt damit, in seiner Praxis auch Homöopathie anzubieten, sollte einen das nicht unbedingt beruhigen. Denn womöglich arbeitet dieser dann nicht auf Basis evidenzbasierter Wissenschaft – was hieße, dass er seinen Patienten nicht die bestmögliche Therapie verschreiben wird – oder er verkauft wissentlich Mittel, die nicht wirken, was betrügerisch wäre. Vielleicht möchte er aber auch nur dem Wunsch seiner Patienten nachkommen, die sich eine ganzheitliche und schonende Therapie inklusive Aufmerksamkeit und Verständnis wünschen. Und vermutlich hat der Arzt, genau wie viele Homöopathie-Nutzer, persönlich positive Erfahrungen mit Globuli und Tröpfchen gemacht.

Solange es wirkt, ist doch egal warum? So denken viele Patienten. Sie vertrauen niemandem mehr als ihrem Bauchgefühl. Am glaubwürdigsten erscheinen ihnen Ärzte, die dasselbe tun. Ihnen verzeihen sie dann auch ein bisschen Unwissenheit, ein bisschen Irrtum und vielleicht sogar ein bisschen Betrug. Vielleicht würde sich das ändern, wenn auch in Deutschland auf Packungen homöopathischer Arzneien stünde: "Dieses Mittel hat keine nachweisliche Wirksamkeit." Vielleicht aber auch nicht – aber das ist nur ein Gefühl.

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