Keine Sonne weit und breit, kein Licht und – mutmaßlich – keine Wärme. Noch vor knapp 150 Jahren starben kühne Forscher wie John Franklin, als sie eine Nordpassage im arktischen Meer suchten. Heute wäre der Trip bedeutend weniger riskant. Mit großer Wahrscheinlichkeit nämlich würde kein Packeis Franklin mit seiner Mannschaft festsetzen. Denn derzeit ist es am Nordpol 20 Grad wärmer, als zu dieser Jahreszeit im Durchschnitt üblich. Wo Eis sein sollte, erstreckt sich Wasser.

Dabei ist am Nordpol gerade Polarnacht. Heißt gewöhnlich: Weil die Sonneneinstrahlung fehlt und es im arktischen Meer kalte Strömungen gibt, bildet sich ein dicker Eispanzer, die arktische Kryosphäre. Wie Daten vom deutschen Alfred-Wegener-Institut (AWI) und der Universität Bremen jedoch zeigen, ist die Meereisausbildung im Moment auf einem historischen Tiefstand. Nicht einmal die Bedingungen in den bisherigen Rekordjahren 2012 und 2015 haben zu dieser Zeit für eine derart kleine Eisdecke gesorgt. Das Eis wächst so langsam, wie nie zuvor gemessen.

So ist die Arktis auf einer Klimakarte der Universität Maine derzeit ein einziger roter Fleck (siehe unten). Die Grafik demonstriert Temperaturabweichungen von der Norm, dem Temperaturdurchschnitt der Jahre 1979 bis 2000. Das Gefälle ist so groß, dass bald kein intensiverer Rotton mehr übrig bleibt – die Arktis scheint zu glühen. Es ist zwar immer noch kalt am Nordpol – die Temperaturen sind immer noch im zweistelligen Minusbereich –, aber die Abweichungen sind enorm.

Ein Temperaturgefälle der Extreme: Während die Arktis mit 30 Grad über Normal glüht, erreichen die Thermometer in Sibirien und Kasachstan Tiefststände.

Die Ursachen finden sich im jetzigen Zustand von Meer und Luft. Eine Hoch-Tief-Kombination über der Beringstraße und Norwegen schaufelt gewaltige Massen warmer Luft aus dem Süden zum Nordpol. Dort war die Atmosphäre ohnehin aufgeheizt und lag zum Teil acht Grad Celsius über der Norm, wie Forscher des AWI in einem Blog erklären. Gleichzeitig vermelden Wissenschaftler für die Wassertemperaturen zwischen Ostsibirien und Barentssee Höchstwerte.

Hitze von allen Seiten

Ursachen finden sich aber auch in den Entwicklungen der letzten Jahre. Im Hitzerekordjahr 2015 beispielsweise lagen die Temperaturen im arktischen Winter zeitweise nahe am Gefrierpunkt. Das ließ weniger Wasser gefrieren als zuvor. Die Eisdecke war dünner und der Eisschild kleiner, sodass sie im Frühjahr rasch wieder dahinschmolzen. Das Wasser in der sibirischen See war damit so schnell eisfrei wie lange nicht mehr – was weitere Probleme nach sich zog: Da Wasser im Gegensatz zu Eis und Schnee dunkler ist, reflektierte es keine Wärmestrahlung, sondern absorbierte sie vielmehr. Der Ozean hat sich aufgeheizt und behindert nun zusätzlich die Eisausbildung.

Im nächsten Jahr könnte sich das Wasser dadurch noch weiter erwärmen, was einmal mehr die Eisbildung blockiert. Der Wissenschaftler spricht hier von positiver Rückkopplung, der Volksmund vom Teufelskreis.

Werden die Temperaturen also so hoch bleiben, gar weiter ansteigen? Nicht zwingend. Starke Temperaturschwankungen waren schon immer Bestandteil der arktischen Zone, auch wenn sich der Trend wegen des Klimawandels verstärkt hat. "Die arktische Wärme ist das Resultat aus dem für diese Zeit des Jahres extrem kleinen Eisschild, dem wahrscheinlich dünnen Eis sowie der warmen, feuchten Luft aus subtropischen Breitengraden, die durch den ungewöhnlich instabilen Jetstream nach Norden gedrückt wird", sagt Jennifer Francis, eine Arktisforscherin der Rutgers-Universität gegenüber der Washington Post.

Klimawandel - Sechs Kontinente und ihre Klimaschäden Mehr Trockenheit, mehr Überschwemmungen, mehr Waldbrände: Welcher Kontinent muss eigentlich mit welchen Klimaschäden rechnen? Unser Video gibt den Überblick.

"Große Temperaturgefälle sind nichts Außergewöhnliches in der Arktis"

In ihren jüngeren Arbeiten hat Francis dem Jetstream-Verhalten besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Der Höhenwind ist unter anderem für das wechselhafte, europäische Wetter verantwortlich. Wie an einer Perlenkette sind an ihm Hochs und Tiefs im Wechsel aufgereiht. Die Luftdruckkreisel vermengen und verwirbeln durch ihre jeweilige Rotation kalte Polarluft und mediterrane Warmluft. Je nach Jahreszeit ändert sich die Position, Anordnung und Intensität der Tiefs und Hochs.

Das Phänomen hat Ähnlichkeiten mit Frequenzeffekten aus digitalen Audioplayern. In der Wissenschaft heißen sie Rossby-Wellen, benannt nach dem Jetstream-Pionier Carl-Gustav Rossby. Von Natur aus ist das System der Rossby-Wellen relativ instabil, doch in den letzten Jahren verzeichnen Forscher weltweit immer größere Ausschläge.

Was wird aus dem Nordpol?

Da Wetterphänomene häufig parallel auftreten und sich gegenseitig beeinflussen, werden warme Temperaturen in einer Region oft von ungewöhnlich kalten Temperaturen in einer anderen begleitet. Das gilt derzeit zum Beispiel für den Nordpol und Sibirien. Während es in der Arktis immer wärmer wird, sinken die Temperaturen im Osten Russlands jeden Tag. "Große Temperaturschwankungen sind nichts Außergewöhnliches in der Arktis, besonders nicht in der kalten Jahreszeit. Aber sowohl die Dauer als auch die Größenordnung des jetzigen Arktis-Sibirien-Musters sind unüblich", wird Zack Labe, Arktisforscher der University of California, von der Washington Post zitiert.

Gesichert ist es noch nicht – der arktische Winter hat gerade erst begonnen –, doch die momentane Großwetterlage könnte erneut für bislang nie verzeichnete Höchstwerte sorgen. Mittelfristig erwarten die Experten einen Temperaturrückgang in der Arktis. Sie stellen sich aber zugleich auf den nächsten Hitzerekord am Nordpol ein.

Mitarbeit: Alina Schadwinkel