Die Polarnacht am Nordpol hat begonnen. Dort ist Herbst, am Südpol hat der Frühling eingesetzt. Während das Meereis der Arktis zu dieser Jahreszeit zufriert, schmilzt es in der Antarktis – so ist das jedes Jahr. Doch diesmal ist etwas so extrem anders, dass selbst Klimaforscher erstaunt sind: Denn bisher – trotz Erderwärmung und einem Langfristtrend zu weniger Meereis – fror im Norden normalerweise mehr Ozeanfläche zu als gleichzeitig im Süden abschmolz. In der Bilanz nahm die Fläche des weltweiten Meereises in unseren Wintermonaten zu. 2016 ist das zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen anders (ZEIT ONLINE berichtete).

Das Meereis weltweit

Die Kurve zeichnet nach, wie viel Fläche der Erde an Nord- und Südpol im Jahresverlauf mit Meereis bedeckt ist. In diesem Jahr hat sie dramatisch abgenommen, wie die rote Linie zeigt.

Quelle: National Snow & Ice Data Center © ZEIT ONLINE

Die Klimakurve (siehe Grafik), die gerade publik wurde und über die heftig debattiert wird, zeigt dies in Form eines steil nach unten ragenden Zipfels. Wie viele Sorgen müssen wir uns deshalb machen? Der britische Ozeanograf und Meereis-Spezialist Mark Brandon erklärt es.

Ich hab so etwas noch nie vorher gesehen.
Meereis-Spezialist Mark Brandon über die aktuelle Lage an Nord- und Südpol


ZEIT ONLINE: Jetzt im Herbst müsste das Eis im Nordpolarmeer stark zunehmen. Tut es das?

Mark Brandon: Das Wetter in der Polarregion ist momentan sehr ungewöhnlich. Die Windzirkulation hat sehr warme Luft über den arktischen Ozean getrieben, dort ist es jetzt 15 bis 20 Grad Celsius wärmer als für diese Jahreszeit üblich. Nördlich des 80. Breitengrades wären im Moment Temperaturen um minus 30 Grad zu erwarten – doch dieses Jahr haben wir dort nur rund minus 10. Das bedeutet, dass der vom Sommer noch erwärmte Ozean sich an etlichen Stellen noch nicht genug abgekühlt hat, um Eis zu bilden.

ZEIT ONLINE: Und das heißt?

Brandon: Im Ergebnis findet sich noch offenes Meer in weiten Gebieten, die zu dieser Jahreszeit sonst zugefroren sind. Beispielsweise ist die Karasee, nördlich von Russland gelegen, eisfrei. Zugleich hat das Wettermuster, das für die warme Luft am Nordpol verantwortlich ist, großen Teilen Nordrusslands und Sibiriens extrem kalte Luft gebracht. Dort ist es momentan 10 bis 15 Grad Celsius kälter als im langjährigen Mittel.

Als Ozeanograf, spezialisiert auf Polargebiete, beschäftigt sich Mark Brandon seit Langem mit Meereis. Er lehrt an der staatlichen Open University in Milton Keynes, Großbritannien. © Mark Brandon

ZEIT ONLINE: Die Eisdecke in der Arktis ist gerade etwa eine Million Quadratkilometer kleiner, als es zu dieser Jahreszeit im Durchschnitt normal wäre. Das kann man auf Satellitenbildern sehen.

Brandon: Und dieser Unterschied entspricht der Fläche aller skandinavischen Länder zusammen.

ZEIT ONLINE: Das ist wirklich außergewöhnlich, oder?

Brandon: "Außergewöhnlich" ist für Wissenschaftler ein sehr starkes Wort. Lassen sie mich von persönlichen Erfahrungen berichten: Ich war 1989 das erste Mal in der Arktis, und seit 1992 schaue ich auf die Daten zum Meereis. Ich hab so etwas noch nie vorher gesehen. Eine Situation wie in diesem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, bevor ich die Daten gesehen habe.

ZEIT ONLINE: Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Mark Brandon: Da kamen mehrere Faktoren zusammen: Das Meereis rings um den Nordpol schrumpft seit Jahrzehnten und wird dünner. "Altes", also mehrjähriges Meereis schwindet während der sommerlichen Schmelzsaison nicht so schnell – aber wenn es davon weniger gibt, bedeutet das eben, dass in den Sommermonaten größere Teile des Meeres ohne Eisdecke bleiben. Und eine offene Wasseroberfläche ist dunkler als eine eisbedeckte: Deshalb kann dann das Polarmeer während des Sommers noch mehr Wärme aufnehmen.

Das Meereis der Arktis im Oktober

Quelle: National Snow & Ice Data Center © ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Und das verstärkt den Meereis-Rückgang noch?

Brandon: So sieht es aus, wenn man sich die Daten für 2013 ansieht. Sie zeigten, dass zum Beispiel die Karasee etwa fünf Grad Celsius wärmer war als im langjährigen Mittel. Nicht nur die warme Luft über der Arktis dürfte daher verantwortlich sein für die geringe Eisfläche, sondern auch die im Meerwasser gespeicherte Wärme.

ZEIT ONLINE: Wird diesen Winter dann überhaupt noch mehr des Arktischen Ozeans zufrieren?

Brandon: Wenn die Kaltluft, die momentan über Russland liegt, den Ozean erreicht, wird er schnell zufrieren. Ich rechne dann mit einer schnellen Zunahme der Eisfläche. Aber dem Meereis dieses Winters wird dann etwa ein Monat Wachstumszeit fehlen. Es wird am Ende dünner sein als üblich. Ich erwarte, dass wir die Folgen davon dann im nächsten Jahr sehen werden.