Klimaforscher in den USA erwarten eine Katastrophe. Nicht etwa, weil es in der Arktis so wenig Eis gibt, wie nie zuvor zu dieser Jahreszeit gemessen wurde. Oder weil die letzten Jahresdurchschnittstemperaturen bisherige Rekorde übertroffen haben. Oder weil Hurrikane stärker werden. Sie fürchten die Entscheidungen ihres nächsten Präsidenten, Klimawandelskeptiker Donald Trump – und greifen daher zu drastischen Mitteln: alles sichern, was geht.

In den vergangenen Tagen haben sich zahlreiche Wissenschaftler führender Institutionen zum Kampf gegen Trump zusammengeschlossen. Ihre Sorge: Trump will nicht nur verhindern, dass Wissenschaftler neue Daten sammeln. Womöglich wolle er gar bereits gesammelte Daten verschwinden lassen.

Das Ziel der Forscher ist daher ein neues, wachsendes Archiv aller Umwelt- und Klimadaten, die bislang über die staatlichen .gov-Seiten einsehbar sind. Bis zum 20. Januar 2017 wollen sie die wertvollen Informationen außer Reichweite der künftigen Regierung schaffen und auf unabhängige Server auslagern. Es geht um Auswertungen von Gesteinsschichten, biologischen Klimaarchiven wie Korallenriffen oder Wäldern und Analysen von Seen, Mooren, Ozeanen sowie Satellitenaufnahmen, Langzeit-Temperaturmessungen, Analysen der Atmosphäre – grundsätzlich alle Informationen, die notwendig sind, um verlässliche Klimavorhersagen zu erstellen.

"Sie wollen nicht, dass ihre Klimadaten verschwinden?"

Beteiligt an der Aktion ist unter anderem der Meteorologe und Journalist Eric Holthaus. Er ist in den USA bekannt und geschätzt für seinen Podcast zum Klimawandel. Per Twitter hatte er am vergangenen Wochenende Wissenschaftlerkollegen dazu aufgerufen, all jene Daten an das Team des Projekts Climate Mirror weiterzuleiten, die in Sicherheit gebracht werden müssen. In einem Google-Spreadsheet können Klimaforscher eintragen, welche Daten für ihre Studien von besonderer Bedeutung sind oder dies in einer Umfrage mitteilen.

Hunderte Wissenschaftler sind dem Aufruf bereits gefolgt. Doch das ist nur der Anfang. Climate Mirror ist Teil einer größeren Initiative unter Leitung der University of Pennsylvania. Die Initiatoren machen derzeit auf Twitter mithilfe der Hashtags #VulnerableData, #DataRefuge und #DataRescue auf ein Netzwerk für Klimaforscher aufmerksam, in dem diese Daten austauschen, aber auch Informationsveranstaltungen, Debatten und Aktionen organisieren können. Das Interesse ist groß, nicht nur an der University of Pennsylvania. An der University of Toronto etwa wird dieses Wochenende ein Guerrilla-archiving-Event stattfinden. Vor allem Daten der Umweltbehörde EPA sollen umfangreich und rasch beiseitegeschafft werden. Sie gelten laut Veranstaltern als "besonders gefährdet", weil Trump die Behörde am liebsten ganz abschaffen würde.

"Die Daten zu sichern, ist weise, aber wahrscheinlich unnötig", sagt der Philip Duffy, Direktor des privat finanzierten Woods Hole Research Centers, einem Klimaforschungs-Thinktank. Zudem sei die Aufgabe äußerst anspruchsvoll: "Es gibt enorm viele staatliche Klimadaten. Allein die Menge, die wir von Satelliten geliefert bekommen ist, ist riesig. Deshalb kann es überhaupt nur gelingen, wenn so viele wie möglich mitmachen." Es wäre ein Fehler, die Informationen für verzichtbar zu halten. Ständig würden neue Fragen aufkommen "und wir brauchen die Originaldaten, um sie zu beantworten".

Trumps Pläne lassen Chaos befürchten

Der Aufruhr mag irrational, gar paranoid wirken. Doch die Beteiligten bereiten sich nach eigener Aussage lieber auf das Schlimmste vor, als auf das Beste zu hoffen. Die Vergangenheit gibt ihnen recht. Schon zuvor haben neue Regierungen aus ihrer Sicht unpassende Informationen entfernt, die Forscher als erwiesen und bedeutsam klassifiziert haben. Die Bush-Regierung beispielsweise ließ einen Abschnitt zum Klimawandel aus einem Report der EPA streichen, obwohl er in den Berichten der fünf vorangegangenen Jahre stets enthalten und sein Inhalt weiterhin korrekt war. 

Zugleich sind die Reaktionen der Wissenschaftler bislang reine Vorsichtsmaßnahmen. Weder Trump noch sein Team haben auch nur angedeutet, dass sie den Zugang zu öffentlichen Daten einschränken oder Daten löschen wollen. Doch Trumps bisheriges Handeln lässt nicht viel Gutes erahnen.