Stellen Sie sich vor, Sie sind 50 Kilometer durch die Sahara gelaufen. Und dann bekommen Sie die Aufgabe, rückwärts gehend wieder zum Ausgangspunkt zu finden. Dabei müssen Sie schweres Gepäck ziehen, das zum Beispiel dreimal so viel wiegt wie Sie selbst. Die meisten wären wohl ziemlich verloren. Ganz im Gegensatz zur Wüstenameise. Die macht das jeden Tag und findet immer wieder zurück zum Nest. Obwohl das nur ein Loch im Boden ist und sie mehrere Hundert Meter davon entfernt ist. Wie stellt sie das an?

Der Verhaltensforscher Sebastian Schwarz von der Universität Edinburgh und sein Team haben das geprüft (Current Biology: Schwarzer et al., 2017). Bisher war bekannt, dass sich Wüstenameisen anhand von Landmarken, am Himmel und am Sonnenstand, am Geruch und durch eine Art Schrittzähler orientieren. Wie sie all das kombinieren, war jedoch ein Rätsel.

Um das zu untersuchen, bauten die Wissenschaftler einen über drei Meter langen Parcours rund um ein Nest einer Untergattung der Wüstenameise (Cataglyphis velox). Darin legten sie Futter aus, das die Ameisen zum Nest transportieren sollten. Die Tiere bekamen ein wenig Zeit, um sich die Strecke einzuprägen. Dann holten die Forscher einige von ihnen aus den Gräben und setzten sie an einer anderen Stelle wieder in den Parcours, um sie gezielt zu verwirren. So sollten einige Orientierungstechniken wie die Erinnerung an Landmarken außer Kraft gesetzt werden.

Rückwärts ist die Orientierung schwerer

Solange die Ameisen vorwärts liefen, ließen sie sich davon kaum beirren. Die Wissenschaftler mussten sie schon direkt am Nest abfangen, möglichst ohne dass sie weit gelaufen waren, damit sie sich auf die Zahl ihrer Schritte nicht mehr verlassen konnten. Zusätzlich mussten Schwarz und sein Team das Sonnenlicht spiegeln, sodass sich die Ameisen auch nicht mehr an Himmel und Sonnenstand orientieren konnten.

Liefen die Ameisen aber rückwärts, etwa um einen großen Kekskrümel zum Nest zu ziehen, waren sie viel leichter zu verwirren. Sie hielten immer den zu Beginn erlernten Weg ein, ohne sich neu zu orientieren, wenn sie umgesetzt wurden. Erst wenn sie kurz Pause machten und nach vorn schauten, wurde ihnen klar, dass sie falsch liefen. Danach klappte es dann mit der Orientierung. Die Forscher erklären das so: Die Tiere nutzten beim Rückwärtslaufen offenbar keine Landmarken. Stattdessen vertrauten sie auf ein System aus Schrittzahl und Orientierung am Himmel. Die Forscher nennen das Prinzip Pfadintegration.