Mehr als 200 Kilogramm schwer und an der Spitze der Nahrungskette sollte der Grauergorilla (Gorilla beringei graueri) niemanden fürchten müssen – vor allem nicht in der abgelegenen Region des afrikanischen Regenwaldes, in der er lebt. Doch die Gorillas werden gejagt und vertrieben, ihre Zunft ist vom Aussterben bedroht. Ebenso Roloway-Meerkatzen (Cercopithecus roloway), Cat-Ba-Languren (Trachypithecus poliocephalus) und Nördliche Braune Brüllaffen (Alouatta guariba guariba). Denn vor dem Menschen ist kein Primat sicher.

60 Prozent aller Affenarten sind vom Aussterben bedroht. Das sind 300 der weltweit 500 Spezies, wie eine aktuelle Studie weltweit führender Primatenforscher zeigt (Sience Advances: Estrada et al., 2017). Mehr als 25 Wissenschaftler renommierter Institute – darunter Yale und das Leibniz-Institut für Primatenforschung – kamen unter Führung von Alejandro Estrada und Paul Garber zu dem Ergebnis, nachdem sie über 200 Studien ausgewertet hatten.

Bekannter Bedrohter: der Gorilla

Der Grauergorilla ist das markanteste Gesicht dieser dramatischen Entwicklung. Innerhalb von 15 Jahren sind mehr als drei Viertel aller wild lebenden Tiere gestorben. Zurzeit durchstreifen nur noch rund 3.800 Exemplare ein Areal im Ostkongo, das stetig kleiner wird. Die Ursachen hierfür sind vielfältig: Seit Jahren kämpfen in der Region verschiedene Rebellengruppen miteinander, die sich zum Teil im Urwald verschanzen. Bushmeat, also Wildfleisch, in Form von erlegten Gorillas, ist für die Kämpfer eine beliebte Abwechslung auf dem Speiseplan.

Ein junger Gorilla klettert auf einen Baum im Kongo. © Conservation International/photo by Russell A. Mittermeier

Dass die Region überhaupt so begehrt ist, liegt am Ressourcenreichtum. Im Ostkongo finden sich Zinn, Gold und Coltan. Letzteres ist essenziell für die Herstellung bestimmter Kondensatoren, die sich in so ziemlich jedem elektronischen Gerät wiederfinden. Der großflächige Abbau findet mitten im Gorillarevier statt.   

Tropenholz gefährdet Meerkatzen

Über das Schicksal des sowohl beliebten als auch bekannten Gorillas wird die Not der restlichen 299 bedrohten Arten häufig vergessen. Beispielsweise die der in Westafrika lebenden Roloway-Meerkatzen, Bewohnern von Baumkronen, Bestand unbekannt. Wie die Weltnaturschutzorganisation IUCN berichtet, gibt es in ihren Heimatländern Ghana und der Elfenbeinküste nur noch das Tanoé-Waldgebiet, in dem die Existenz der auffällig weißen Affen gesichert ist. 40 Jahre zuvor waren sie noch nahezu entlang der gesamten Küste Ghanas und der Elfenbeinküste zu finden gewesen.

Legale und illegale Holzfäller dezimieren den Lebensraum der sozial lebenden Allesfresser auf der Suche nach Tropenhölzern. Oft machen sie auch vor geschützten Reservaten nicht halt. Die IUCN berichtet beispielsweise über die Firma SIDB, die laut der lokalen Naturschutzorganisation Sodefor im Nationalpark Port Gauthier im Süden der Elfenbeinküste Bäume fällen – nach bisherigen Kenntnissen wird hier eines der letzten Rückzugsgebiete der Roloway-Meerkatzen vermutet.

Um die Gattung noch zu retten, versuchen die Wissenschaftler jetzt, mit der lokalen Bevölkerung zusammenzuarbeiten. Ein Ziel: die Einwohner der Dörfer rund um den Tanoé-Wald vom Bushmeat-Konsum abbringen und mit ihrer Hilfe Roloway-Meerkatzen zählen.

Solche Aktionen kommen für den Miss Waldrons Roten Stummelaffen (Piliocolobus waldronae) hingegen wohl zu spät. Die Tiere mit dem umständlichen Namen lebten im gleichen Gebiet wie die Meerkatzen und besetzten eine ähnliche ökologische Nische. Nun sind sie laut IUCN mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgestorben, zu wenig Regenwald ist übrig geblieben.

Brüllaffen müssen Gelbfieber fürchten

Weltweit roden Menschen Regenwald, um nutzbare Flächen zu schaffen. Die größte Bedrohung für die Affenarten ist laut der Studienautoren die Landwirtschaft. Wie Estrada und Garber berichten, trifft das auf 76 Prozent aller Spezies zu.

Brasilien etwa hat laut Daten der Weltbank mehr als sechs Prozent seiner Waldfläche in nur 25 Jahren verloren. Was wenig klingt, hat drastische Folgen. Neben dem Amazonasregenwald besaß das südamerikanische Land früher ein zweites, großes und artenreiches Urwaldgebiet: die Mata Atlântica. Der atlantische Regenwald erstreckte sich einst über das hügelige Land der Bundesstaaten São Paulo und Rio de Janeiro bis nach Bahia.

Heute ist von dieser enormen Waldfläche zwischen all den Ananasplantagen und Rinderherden nicht mehr viel übrig. Die Mata Atlântica ist bloß noch Flickwerk. Für agile Neuweltaffen wie den Nördlichen Braunen Brüllaffen ist das problematisch: Da die einzelnen Gruppen isoliert leben und es nur eine stark begrenzte Zahl an möglichen Partnern gibt, sind viele Tiere mit der Zeit abwehrschwach geworden. Erkranken sie an einer tropischen Krankheit wie Gelbfieber gefährdet das schnell die gesamte örtliche Population.