Die Ozeane sind das größte Ökosystem der Erde, bedecken zwei Drittel des Globus und sind doch zu 95 Prozent unerforscht. Selbst vom Mond wissen wir mehr als über die Tiefsee. Nur eines ist jetzt schon sicher: Giftige Chemikalien, von Menschen gemacht, sind dort längst angekommen (Nature Ecology & Evolution, Jamieson et al., 2017). 10.000 Meter unter dem Meer haben Flohkrebse langlebige Schadstoffe im Körper, die aus Kühlschränken, Wandfarben, Polstern und Elektrogeräten stammen. Die meisten dieser Stoffe sind heute verboten, in der Umwelt aber sind sie noch immer präsent.

© Google / Landsat / Copernicus

Ein Forscherteam um Alan Jamieson von der Universität Aberdeen in Großbritannien hat Flohkrebse unterschiedlicher Arten aus dem Marianengraben im Nordpazifik – der weltweit tiefsten Meeresregion – und dem Kermadecgraben im Südpazifik untersucht. Ferngesteuerte Tauchroboter hatten die Proben in Tiefen von rund 7.200 bis 10.250 Metern gesammelt – ein extremer, absolut dunkler und eisig kalter Lebensraum, den Meeresbiologen Hadopelagial nennen. In allen Flohkrebsen fanden sich hohe Konzentrationen Polychlorierter Biphenyle (PCB) und Polybromierter Dephenylether (PBDE), nicht abbaubare, inzwischen verbotene Umweltgifte (siehe Infokasten).

Denkbare Ursache – der Müllteppich im Pazifik

Der PCB-Gehalt in einigen der Tiefseetierchen war höher als in Krabben aus dem Liaohe River, einem der dreckigsten Flüsse Chinas, schreiben die Forscher im Magazin Nature Ecology & Evolution. Womöglich stamme das Gift aus hochindustrialisierten Regionen Japans und Südostasiens in der Nähe der Meeresgräben. Auch der gigantische pazifische Müllstrudel – eine im Meer treibende Ansammlung von Plastikmüll größer als Indien – sei nicht weit, schreiben Jamieson und seine Kollegen.

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Ob die Schadstoffpartikel wirklich aus dem Plastikmüll gelöst werden und so zum Meeresgrund absinken, lasse sich aus der Studie nicht erkennen, schreibt die Ökotoxikologin Katherine Dafforn von der Uni Sydney in einem Begleitartikel in Nature. Mit Sicherheit gäbe es aber einen Austausch zwischen dem Oberflächenwasser und den tiefsten Meeresgräben. Das Gift in den Krebsen sei der Beweis, dass auch die Tiefsee "maßgeblichen Konzentrationen menschengemachter Umweltgifte ausgesetzt ist". Dass Tiefseetiere mit ihrer Nahrung auch winzige Partikel zerriebenen Kunststoffs – sogenanntes Mikroplastik – aufnehmen, hatten Wissenschaftler zuletzt im September 2016 vermeldet (ZEIT ONLINE berichtete).

Kritik an der Messmethode

So hohe Schadstoffkonzentrationen, wie in den Flohkrebsen gefunden – das sei in der Tat überraschend, sagte Eric Achterberg, vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel zu Journalisten des deutschen Science Media Centers (SMC). Allerdings weise die Arbeit der Briten erhebliche Mängel auf. So hätten die Wissenschaftler nur wenige Flohkrebs-Proben untersucht, es gäbe keinen Hinweis darauf, dass sie zertifizierte Referenzproben eingesetzt hätten und "in den Diagrammen fehlen die Fehlerbalken; dabei wären die wichtig, um die Genauigkeit und die Unsicherheit der Messungen anzugeben", sagte Achterberg. 

Den Müllteppich im Meer als mögliche Ursache zu benennen, sei sehr spekulativ, gleichzeitig könne man sich kaum andere Quellen für so hohe Schadstoffkonzentrationen in der Tiefsee vorstellen. Dazu, wie sich Umweltgifte im Meer verteilen und inwieweit sie über die Nahrungskette auch in unser Essen gelangen, sei dringend weitere Forschung nötig, betont Achterberg.

Solche Stoffe würden über die Atmosphäre global verteilt, sagte Detlef Schulz-Bull vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Niederschläge spülen sie in die Flüsse, sie sickern bis ins Grundwasser und fließen ins Oberflächenwasser der Meere. Von pflanzlichen Einzellern werden sie dann aufgenommen. "Diese sinken als Partikel in tiefere Wasserschichten und letztlich bis zum Sediment der Ozeane". Die Wassertiefe spiele bei diesem grundsätzlichen Transportprozess keine Rolle, sagte der Chemiker gegenüber dem SMC. Er sei deshalb nicht sehr überrascht, dass diese sich bis in die Tiefsee verteilen.