ZEIT ONLINE: Laut Ihrer Liste der gefährdeten Zugvögel ist ein Viertel aller deutschen Zugvogelarten gefährdet …

Bauer: Mindestens! Wahrscheinlich sind es noch mehr. Bisher haben wir die Vögel immer nur während der Brutzeit im Frühjahr und Frühsommer gezählt. Gewisse Zugvögel, die zu einer anderen Jahreszeit hier sind, konnten wir so nicht registrieren. Mit der Liste schließen wir diese Lücke. Wir sind übrigens die Ersten, die das machen. Holland und Großbritannien folgen jetzt.

ZEIT ONLINE: Auch wenn noch Daten fehlen, können Sie schon sagen, welche Tiere besonders bedroht sind?

Bauer: Manchen Arten geht es sehr gut, zum Beispiel großen Vögeln wie dem Kranich. Die wurden international gezielt geschützt. Vor einigen Jahren gab es noch 50.000 Tiere, heute ziehen wieder mehrere Hunderttausend Kraniche pro Jahr über Deutschland. Und auch die Zahl der Wasservögel hat in den letzten Jahrzehnten eine gute Entwicklung genommen.

Dramatisch ist die Situation etwa für den Ortolan: Er ist akut vom Aussterben bedroht und wird in Frankreich immer noch illegal zu kulinarischen Zwecken gefangen. Die Waldvögel haben es ebenfalls schwer und vor allem kleine Vögel, wie Feldlerchen, Goldammern, Sperlinge und Finken.

Hans-Günther Bauer forscht am Max-Planck-Institut für Ornithologie, sitzt im Nationalen Gremium Rote Liste Vögel und hat die Rote Liste der bedrohten Zugvögel-Arten mitherausgegeben. © Max-Planck-Institut für Ornithologie

ZEIT ONLINE: Wieso?

Bauer: Kurz gesagt: Sie verhungern. Wälder sind heute Holzäcker. Alte Bäume werden früher gefällt als vor wenigen Jahrzehnten. Dabei gilt: Je älter Bäume werden, desto mehr Insekten leben in ihnen. Hier gibt es also zu wenig Nahrung. Dazu kommt, dass in alten Bäumen mehr Höhlen zum Brüten sind – nicht nur für die Spechte, die sie geschlagen haben, sondern auch für andere Vögel wie die Dohle oder die Hohltaube.

Es gibt zu viel Mais auf den Feldern

Hinzu kommt die intensive Landwirtschaft, die immer mehr Fläche einnimmt. Früher saßen kleine Vögel im Herbst in den Stoppelbrachen, aber neuerdings werden die Felder direkt nach der Ernte umgegraben und im Herbst schon angesät. Dazu kommt, dass der Anteil an Mais auf den Feldern steigt. Der Mais ist gut für die Kraniche, aber der Rest der Vögel findet in Maisfeldern wenig Nahrung. Und schließlich beobachten wir ein Insektensterben durch den flächenhaften Einsatz von Pestiziden.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie an die Daten, auf denen Ihre Rote Liste basiert?

Bauer: Wir arbeiten mit den ornithologischen Verbänden der einzelnen Bundesländer zusammen. Die legen Programme für gezielte Beobachtungen fest. Im Wasservogelzählprogramm zum Beispiel werden seit 1967 deutschlandweit die Ehrenamtler koordiniert. Das ist straff organisiert: Die Vogelbeobachter wissen schon ein Jahr im Voraus, wann sie auf welcher Strecke Vögel beobachten sollen. Jetzt brauchen wir nur noch neue Programme für die Zugvögelzählung.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie mit Ihrer Arbeit schon etwas bewirken?

Bauer: Momentan haben wir nicht den Eindruck, dass die besonders gefährdeten Arten besseren Zeiten entgegenblicken. Wir fordern schon sehr lange, dass landwirtschaftlich genutzte Flächen in vogelfreundlichere umgewandelt werden. Aber in den letzten Jahren hat man den Eindruck, dass eher das Gegenteil passiert. Das einzige, was mir Hoffnung macht, ist, dass die Mitgliedsländer alle sechs Jahre bei der EU Rechenschaft ablegen müssen, wie es um den Naturschutz steht. Und da will Deutschland hoffentlich nicht immer so schlecht dastehen wie momentan.