Ein neues Gutachten stuft den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat nicht als krebserregend ein. Die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse erfüllten nicht die Kriterien, um Glyphosat als krebserregend zu bewerten, teilte die europäische Chemikalienagentur Echa in Helsinki mit. Auch weise das Mittel keine mutagenen, fortpflanzungsschädigenden oder genotoxischen Eigenschaften auf, heißt es weiter. Glyphosat könne allerdings zu schweren Augenverletzungen führen, auch sei es giftig für Tiere und Pflanzen, die in Gewässern leben.

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Bei dem Bericht handelt es sich um einen ersten Entwurf, der nun noch sprachlich überarbeitet wird. Anschließend geht der Report an die Europäische Kommission. In diesem Jahr soll auf Grundlage der Echa-Bewertung soll erneut entschieden werden, ob Glyphosat in Europa künftig weiter zugelassen ist.

Die Diskussionen über die Zukunft des Mittels dauern seit Jahren an. Eigentlich war die Zulassung am 30. Juni 2016 ausgelaufen, aber die EU-Kommission hatte die Genehmigung damals um eineinhalb Jahre verlängert – obwohl der Einsatz unter den Mitgliedsstaaten umstritten war. In dem entscheidenden Gremium stimmten von den 28 Mitgliedsländern 19 für eine weitere Zulassung, sieben enthielten sich. Frankreich und Malta waren dagegen. Deutschland gehörte in Brüssel zu denjenigen, die sich der Stimme enthielten, da die Frage im Bundeskabinett umstritten ist. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Agrarminister Christian Schmidt (CSU) für die Zulassungsverlängerung sind, lehnen Umweltministerin Barbara Hendricks sowie die anderen SPD-geführten Ministerien dies ab.

Um eine Einigung zu erzielen, sollte erneut untersucht werden, ob Glyphosat das Risiko für Krebserkrankungen erhöht. Dieses Mal war es Aufgabe der Echa, die potenzielle Gefahr einzustufen. Ihr Resultat: Glyphosat ist unbedenklich für die menschliche Gesundheit. Der Vorsitzende der Abteilung für Risikobewertung der Echa, Tim Bowmer, erklärte, das Fazit basiere auf den Ergebnissen von mehreren human- und tiermedizinischen Studien. Unstrittig sind massive negative Einflüsse der Chemikalie auf die Artenvielfalt.

Pflanzenschutzmittel - Wirkungsweise von Pestiziden Wenige Wochen vor Ablauf der Zulassung für Glyphosat ist die Zukunft des umstrittenen Pflanzenschutzmittels in der EU weiter ungewiss. Eine Videografik erläutert die Nebeneffekte von Pestiziden.

"Das ist keine Generalabsolution für Glyphosat"

Vertreter der Agrarindustrie sind mit der Beurteilung zufrieden. "Das Ergebnis untermauert erneut die früheren Sicherheitsbewertungen, die bereits von Behörden weltweit durchgeführt wurden", sagte etwa Ursula Lüttmer-Ouazane in einer Pressemitteilung. Sie ist Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, in der sich Chemie- und Agrar-Unternehmen wie Cheminova, Monsanto oder Adama engagieren. "Die wissenschaftlichen Argumente, die für eine erneute Zulassung von Glyphosat sprechen, sind erdrückend", sagte Lüttmer-Ouazane weiter. Für die Mitgliedstaaten gibt es nun keine Hinderungsgründe mehr, sich dem zu verweigern. Dietrich Pradt, kommissarischer Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar e. V., erwartet von der Bundesregierung, "dass sie sich für ein zügiges Verfahren in Brüssel einsetzt".

Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland ist anderer Meinung: "(Der Echa-Bericht) ist keine Generalabsolution für Glyphosat", sagte sie in einer Pressemitteilung. Das Urteil der Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation IARC aus dem Jahr 2015 gelte weiterhin. Demnach ist Glyphosat "krebserregend beim Menschen".

Eine Bewertung der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) von Ende Mai 2016 für die Echa hatte zudem nahegelegt, dass Glyphosat menschliche Organe schädigen könne. Die BAuA empfahl demzufolge, Glyphosat als "organschädigend" bei längerer oder wiederholter Exposition einzustufen. Die Echa jedoch sieht die Kriterien hierfür nicht erfüllt, wie es in dem aktuellen Bericht heißt.