Der Klimawandel existiert, es wird wärmer, das verändert den Planeten und der Mensch ist hauptsächlich daran schuld. Daran gibt es keinen Zweifel, auch wenn dies wenige Menschen anders sehen. Klar ist auch: Der CO₂-Ausstoß aus Industrie, Verkehr und Städten muss sinken, schnell und am besten auf Null. Ansonsten werden der steigende Meeresspiegel und starke Unwetter nicht nur die Heimat von vielleicht Millionen Menschen zerstören, sondern auch das Artensterben beschleunigen.

Das Schlimmste zu verhindern, ist wahnsinnig kompliziert. Besonders, weil die Staaten der Welt sich aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht ausreichend bemühen. Die einen können, die andern wollen nicht – für viele gilt beides. Trotz zahlreicher Klimagipfel und Klimaverträge. Deshalb schlagen führende internationale Wissenschaftler nun eine simple Faustregel für jedes Dorf, jede Gemeinde, jede Stadt, jedes Land vor – so simpel, dass jeder sofort damit anfangen könne. An ihr solle sich die Weltgemeinschaft orientieren.

Ist das die Weltformel gegen den Treibhauseffekt?

Sie besagt Folgendes: Jedes kommende Jahrzehnt müssen sich die CO₂-Emissionen weltweit halbieren. Ausgehend von geschätzt 40 Gigatonnen, also 40 Milliarden Tonnen Kohlenstoffdioxid, die der Mensch im Jahr 2020 in die Luft geblasen haben wird, sollen es zehn Jahre später nur noch um die 20, eine weitere Dekade später nur noch 10 und bis 2050 im Schnitt nur noch etwa 5 Gigatonnen jährlich sein. Von da an wäre die Welt(-wirtschaft) praktisch CO₂-neutral.

Folgte jede noch so kleine Gemeinde nach ihren eigenen Möglichkeiten diesem Fahrplan, ließen sich die Folgen des Klimawandels drastisch lindern. Wenn Städte, Staaten und ganze Industriezweige sich daran hielten, habe die Welt derzeit eine 75-prozentige Chance, dass die globale Durchschnittstemperatur nicht auf zwei Grad Celsius mehr ansteige als noch vor der Industrialisierung. Jene Marke, die die Regierungen der Welt laut Pariser Klimavertrag verhindern wollen.

"So ein CO₂-Gesetz gilt für alle Sektoren und Länder für alle Maßstäbe und fördert kurzfristig kühnes Handeln", schreiben sechs Forscher um den Stockholmer Umweltwissenschaftler Johan Rockström und den Physiker Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, im Magazin Science (Rockström et al., 2017).

Treibhausgas reduzieren für Dummys

Ist es auch nur ansatzweise realistisch, dass die Menschheit so einer Faustregel folgen würde? Schließlich wäre das Gesetz nicht juristisch verbindlich. Das wissen auch die Autoren, die es ersonnen haben. Ihnen geht es darum, dass die Welt im Kampf gegen den Klimawandel sich ab sofort auf das Wesentliche konzentriert. Es ist ein Signal an alle, nicht auf komplizierte Abkommen zu warten, sondern jetzt anzufangen – im Prinzip jeder vor seiner Haustür nach der groben Formel: Reduziere dein CO₂ alle zehn Jahre um die Hälfte.

Den CO₂-Ausstoß zu drosseln, klappt nur, wenn gleichzeitig Technologien weiterentwickelt werden, die Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre ziehen oder gar nicht erst in die Umwelt entweichen ließen. Deshalb enthält das vorgeschlagene CO₂-Gesetz auch eine grobe Anleitung, wie es einzuhalten wäre. Keine einzelne Lösung werde die Aufgabe bewältigen. Deshalb müssten ab sofort mehrere Optionen verfolgt werden:

  • Was in den 2020ern passieren muss: Subventionen für fossile Brennstoffe wie Kohle und Erdöl werden eingestellt. CO₂ bekommt einen Preis, der bei 50 US-Dollar pro Tonne anfängt und sich schrittweise auf 400 US-Dollar bis 2050 erhöht. Großangelegte Maßnahmen steigern die Energieeffizienz, zum Beispiel durch intelligente Stromnetze, neue Speichertechnik und Batterien. Hohe Summen werden in erneuerbare Energien investiert und in Technologien, die Kohlenstoffdioxid, die im Laufe von Industrieprozessen freiwerden, herausfiltern und langfristig einlagern (Carbon Capture and Storage). Pro Jahr werden anfangs so 100 bis 500 Millionen Tonnen CO₂ eingespart. Pionierstädte wie Kopenhagen und Hamburg nutzen keine fossilen Energieträger mehr. Kohlendioxidsteuern für den Luftverkehr und auf Transport werden eingeführt. Wälder zu schützen und das Aufforsten bracher Landflächen weltweit werden gefördert.
  • Was in den 2030ern passieren muss: Kohle wird weltweit nicht mehr zur Energiegewinnung genutzt. Kaum noch Autos mit Verbrennungsmotoren fahren auf den Straßen. Die Bauwirtschaft verursacht keine CO₂-Emissionen mehr oder lagert diese ein. Städte weltweit werden CO₂-neutral, Skandinavien verursacht de facto keinen CO₂-Ausstoß mehr aus Handel, Verkehr und Industrie. Zwischen einer und zwei Gigatonnen Kohlenstoffdioxid werden pro Jahr abgeschieden und eingelagert. Brennstoff für den Luftverkehr wird CO₂-neutral dank synthetischen Benzinen, Biogas- oder Wasserstoffantrieben. Weltweit werden unter anderem Steuern erhoben, um neue Technologien zu fördern.
  • Was in den 2040ern passieren muss: Erdöl wird auf dem Globus nicht mehr zur Energiegewinnung genutzt. In Europa sinken die Emissionen fast bis auf Null. Weitere Kontinente folgen bis zum Ende des Jahrzehnts. In wenigen Regionen könnte Atomkraft noch zum Energiemix beitragen. Erdgas ist ebenfalls noch Teil, seine CO₂-Bilanz wird aber durch Einlagerung des Treibhausgases weiter gesenkt. Die Strategien der vorangegangenen Dekaden werden angepasst und verbessert.

Dieser ambitionierter Plan für eine CO₂-neutrale Welt liefere keine Garantie auf Erfolg, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Artikel. Der CO₂-Fahrplan zeige die entscheidenden Schritte, die nötig seien, basierend auf derzeitige Klimaszenarien und Expertenwissen.

Joe Raedle/Getty Images
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Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

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sagt, warum das ein Problem ist:

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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"Wir befinden uns schon am Anfang dieser Entwicklung", wird Leitautor Johan Rockström in einer Pressemitteilung zitiert. "Im vergangenen Jahrzehnt hat sich der Anteil Erneuerbarer im Energiesektor alle fünfeinhalb Jahre verdoppelt. Setze sich dieser Trend fort, brauche es schon deutlich früher als 2050 keine fossilen Brennstoffe mehr. "Unternehmen, die diese Schritte vermeiden, werden die nächste industrielle Revolution verpassen", äußert sich auch Co-Autor Hans Joachim Schellnhuber zu seinem Vorschlag. Regionen, die den Weg freimachten für zukunftstaugliche erneuerbare Energie und Investitionen in ihre Speicherung, "werden eine emissionsfreie Zukunft in eine wirtschaftliche Gelegenheit verwandeln", sagt auch Malte Meinshausen, der ebenfalls am CO₂-Fahrplan mitschrieb und im australischen Melbourne das Climate & Energy College leitet.

Als internationales Gremium solle sich schließlich der UN-Sicherheitsrat um die Umsetzung des Plans kümmern. Das Klima zu stabilisieren, gehöre weltpolitisch auf eine Stufe mit der wirtschaftlichen Entwicklung sowie der Wahrung der Menschenrechte, der Demokratie und von Frieden.

Vielleicht ist es komplett unrealistisch, dass die Formel der Forscher jemals eingehalten wird. Nur, was bringt es, sich weiter in der Debatte zu verzetteln, was alles nicht geht? Dafür ist die Zeit zu knapp.