Zwei Minuten ohne Sauerstoff und ein normaler Mensch wird ohnmächtig. Nach fünf Minuten ist sein Gehirn irreparabel geschädigt. Nach zehn Minuten ist er klinisch tot. Ohne Sauerstoff geht es einfach nicht. Das gilt für Menschen wie Tiere – sie brauchen Sauerstoff, um Glukose zu verstoffwechseln, die wiederum Energie an lebenswichtige Organe wie das Herz und das Gehirn liefert. Höchstens ein paar Bakterien sind bekannt, die ohne O₂ auskommen.

Aber einer stellt diese Regel auf den Kopf. Ein Säugetier, das ständig auf sein Äußeres reduziert wird, obwohl es voller erstaunlicher Fähigkeiten steckt: der Nacktmull. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass er extremen Sauerstoffmangel stundenlang aushalten kann, einen kompletten Entzug überlebt er 18 Minuten lang. Und zwar ohne ersichtliche Schäden.

Wie er das macht? Er setzt im Blut bestimmte Zucker frei, unter anderem Fruchtzucker, wie das Forscherteam aus Deutschland und den USA im Magazin Science schreibt (Park, Reznick et al., 2017). Die Fruktose benutzt er als Energieersatz, anstelle von Glukose, die nur mithilfe von Sauerstoff verstoffwechselt werden kann. Woher er den Fruchtzucker nimmt, wissen die Wissenschaftler noch nicht.

Der Nacktmull erstickt nicht, er hält Winterschlaf

Die Fähigkeit sichert wohl das Überleben der Tiere in den engen, vollgestopften Gängen ihres Baus: Eine Kolonie kann bis zu 280 Nacktmulle zählen. Zum Schlafen stapeln sich auch mal bis zu 100 Tiere übereinander. Wer ganz unten liegt, für den wird die Luft knapp. In der Mangelphase fällt der Nacktmull dann in einen Zustand, der einem Winterschlaf ähnelt. Er verliert das Bewusstsein, sein Puls verlangsamt sich stark. Sobald er aber wieder Luft bekommt, springt er auf, als wäre nichts gewesen.

Der blinde, fast haarlose Nager verhält sich aber auch ansonsten nicht wie ein normales Säugetier. Die Kolonien, die am Horn von Afrika leben, sind ähnlich wie Insektenstaaten aufgebaut: An ihrer Spitze sitzt eine Königin, die mit ausgewählten Sexsklaven Nachwuchs zeugt. Sie wirft etwa alle drei Monate zehn bis 27 Jungtiere.

Wer nicht zum Harem der Königin gehört, gräbt Tunnel und sucht Futter, in fast kompletter Dunkelheit und bei großer Hitze. Soldaten gibt es auch: Sie beschützen die Kolonie vor Jägern oder fremden Mullen, die sie durch abschnüffeln erkennen. Die Hierarchien sind gnadenlos. Die Königin setzt alle Konkurrentinnen derart unter Druck, dass sie gar nicht erst das Fortpflanzungsstadium erreichen. Höher gestellte Tiere trampeln über niedere hinweg.

Der Supermull kennt weder Schmerz noch Tumore

Kein Wunder vielleicht, weshalb der Nacktmull unter diesen harschen Bedingungen sein Schmerzempfinden abgestellt hat. Er besitzt zwar feine Rezeptoren in seiner Haut, doch nicht einmal Säureverätzungen scheinen ihn zu beeindrucken. Forscher vermuten sogar, dass er masochistisch veranlagt sein könnte.

Auch in anderer Hinsicht ist der Säuger äußerst zäh: Heterocephalus glaber wird bis zu 30 Jahre alt. Ähnlich große Nager kommen gerade mal auf ein Zehntel der Lebensdauer. Seine Zellen halten schwere Belastungen aus, noch dazu scheint der Nacktmull krebsresistent zu sein. Seine Zellen erkennen offenbar, wenn es zu eng wird, zum Beispiel, wenn ein Tumor wuchert, und hören dann auf sich zu teilen.

All das macht ihn zu einem interessanten Forschungsobjekt. Wissenschaftler wollen erfahren, wie der Mull so widerstandsfähig und langlebig geworden ist. Sie haben bereits sein Genom entschlüsselt, auch in der Hoffnung, dass seine Eigenschaften irgendwann dem Menschen nutzen können. Den Nacktmull darf man also durchaus als Wundertier bezeichnen. Und als beeindruckenden Beweis dafür, dass Aussehen wirklich nicht alles ist.