Vergiften Pflanzenschutzmittel unsere Honigbienen? Steckt die zerstörerische Varroamilbe dahinter? Oder hat der Mensch durch Züchtung und Massenbienenhaltung aus wilden Urvölkern zu anfällige Zuchtrassen gemacht? Wahrscheinlich stimmt alles ein bisschen. Nur, wie es genau in verschiedenen Teilen der Erde zusammenwirkt: Das wissen Forscher bis heute nicht genau. 

Was die Giftigkeit von Pestiziden aus der Gruppe der Neonicotinoide angeht, ist die Sache für Bienenforscher Randolf Menzel ziemlich klar: Sie schaden Bienen und Hummeln, sagt der Neurobiologe von der FU Berlin, der fast sein ganzes Wissenschaftlerleben der Bienenforschung gewidmet hat. Menzel selbst zeigte unter anderem, dass die Substanzen das Gedächtnis der Insekten beeinträchtigen (ZEIT ONLINE berichtete). Auch viele Umweltschützer und Imker fürchten, dass diese Insektizide das Überleben der Bienenvölker gefährden. Zwei im Magazin Science veröffentlichte Studien scheinen ihnen nun recht zu geben. Auch wenn beide Studien methodische Mängel haben.

Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide werden häufig verwendet, um Saatgut zu beizen – ein altes chemisches Verfahren, um etwa Rapskörner, Mais oder andere Nutzpflanzensamen vor Pilzbefall oder Schädlingen, wie Insekten oder Vögeln, zu schützen. Das Problem: Die darin enthaltenen Wirkstoffe – die bekanntesten sind Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam – verteilen sich beim Wachsen der Pflanze in Stängel, Trieben und Blättern. Sogar in den Pollen sind sie noch nachweisbar. Bienen, die Nektar und Pollen von diesen Pflanzen sammeln, nehmen das Gift auf. Zuletzt zeigte eine Studie, dass Bienen genau diese neonicotinoidhaltigen Pollen fatalerweise sogar besonders attraktiv finden (Nature: Kessler, Tiedeken et al., 2015).

Hummeln und Bienen schadete das Gift

Schweizer Forscher fanden außerdem heraus (Proceedings B: Straub et al., 2016), dass bestimmte Pestizide dieser Art die Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen verringern und deren Lebensspanne senken. 2013 beschloss die Europäische Kommission daher ein Moratorium, das die Anwendung der drei als besonders gefährlich erachteten Wirkstoffe in der EU stark einschränkt. Kritiker des Moratoriums bemängeln allerdings, die zugrunde liegenden Studien seien nicht unter realistischen Bedingungen erfolgt, Belastungen der Insekten in den Experimenten seien viel höher gewesen als im Freiland zu erwarten. Sie verweisen auf Arbeiten, die keine oder nur geringfügige negative Effekte zeigten.

Ein Team um Ben Woodcock vom britischen Natural Environment Research Council hat nun Freilandversuche in Deutschland, Ungarn und Großbritannien gestartet (Science: Woodcock et al., 2017). Finanziert wurden sie von Bayer CropScience und Syngenta, den Herstellern der getesteten Neonicotinoide Clothianidin und Thiamethoxam. Die Forscher setzten in den drei Ländern Honigbienen, Erdhummeln und Rote Mauerbienen neben Rapsfeldern aus. An allen Standorten wuchsen auf einem Teil der Felder Pflanzen, deren Samen mit Neonicotinoiden behandelt worden waren. Ein Ergebnis: In Großbritannien und Ungarn sank die Überwinterungsfähigkeit der Honigbienen neben den so behandelten Feldern. In Deutschland fanden die Forscher diesen Effekt nicht. Warum, können sie nicht genau erklären. In allen drei Ländern schmälerten Neonicotinoid-Rückstände in den Nestern zudem den Fortpflanzungserfolg der Hummel- und der Wildbienen-Art.

Methodische Schwächen im Feldversuch

Unabhängige Kollegen, die vom Science Media Center (siehe Kasten) zur neusten Forschung befragt wurden, bewerten die Studie in Teilen als problematisch. Es gebe methodische Schwächen, die gemessenen Parameter seien sehr grob. So variiere die Menge an Neonicotinoiden, die ausgebracht wurde, kritisiert etwa der Ökotoxikologe Carsten Brühl von der Universität Koblenz-Landau. Dennoch zeige die Studie klare Effekte auf Honig- und Wildbienen. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ergänzt: "Die Studie scheint mir bezüglich des Versuchsaufbaus nicht angemessen gut vorbereitet worden zu sein." Eine Ansicht, die auch der Berliner Forscher Menzel teilt.

In der zweiten Studie maßen kanadische Forscher um Nadia Tsvetkov (Science: Tsvetkov et al., 2017) von der York University in Toronto die Pestizidbelastung in Kolonien von Honigbienen, die neben Feldern oder fernab davon lebten. In diesen fanden sie häufiger Rückstände der Neonicotinoide und anderer Chemikalien, sowohl im Körper der Insekten als auch in Pollen und im Honig. Dies deute darauf hin, dass sich die wasserlöslichen Substanzen von den Feldern in die Umgebung ausbreiten. Die Experimente offenbarten auch, dass das Hygieneverhalten der Bienen beeinträchtigt wurde und dass Fungizide – also chemische Mittel gegen Pilzbefall – die Giftwirkung der Neonicotinoide verstärken.

Ohne Bienen wären wir aufgeschmissen

"Beide Studien liefern keinerlei Anhaltspunkte für eine Entwarnung, ganz im Gegenteil", sagt Menzel. Die Studien zeigten erneut die negativen Auswirkungen auf blütenbesuchende Insekten, was in politische Entscheidungen zum vollständigen Neonicotinoidverbot in der EU einbezogen werden sollte, sagt auch Brühl. Ob die Daten zu einem dauerhaften Verbot der Substanzen führen, ist indes offen.

Das in Wellen auftretende Sterben ganzer Bienenvölker seit der Jahrtausendwende – vor allem in den USA und Europa – ist ein massives Problem für die Landwirtschaft. 35 Prozent der weltweiten Anbaupflanzen werden von Bienen, Fledermäusen und Vögeln bestäubt. Die summenden Insekten sind dabei die wichtigsten Bestäuber. Japanische Forscher entwickeln sogar schon Minidrohnen (ZEIT ONLINE berichtete), die diese Aufgabe übernehmen sollen, falls das Bienensterben weiter voranschreitet. In einigen Teilen der Erde müssen Menschen diesen Job schon übernehmen: Dort werden Nutzpflanzen von Hand bestäubt.