• Mindestens zehn Millionen Eier – darunter auch Bio-Eier – aus Geflügelbetrieben in Belgien, den Niederlanden, Deutschland und Frankreich enthielten deutliche Rückstände des Insektizids Fipronil. Sie wurden Anfang August nach Deutschland geliefert und waren vielfach im Handel. Belastete Chargen fanden sich in allen 16 Bundesländern.
  • Mittlerweile sind wohl alle betroffenen Eier aus den Regalen der Supermärkte entfernt worden. Vorsichtshalber hat auch MAYO, der Hersteller von Eier-, Kartoffel-, und Thunfischsalaten sechs seiner Produkte zurückgerufen. In ihnen wurden belastete Eier verarbeitet. Aktuelle Rückrufaktionen finden Sie unter lebensmittelwarnung.de.
  • Eine akute Gesundheitsgefahr für Verbraucher bestand nach derzeitigem Stand zu keinem Zeitpunkt, wie auch das Bundesinstitut für Risikobewertung seit Beginn der Krise mehrfach bestätigt hat.
  • Wie die EU-Kommission mitteilt, wurden Eier, die mit dem in der Ei-, Milch- und Fleischproduktion verbotenen Läusegift belastet waren, in 15 EU-Länder sowie in die Schweiz und nach Hongkong verkauft.
  • Seinen Ursprung könnte der Skandal in Belgien haben; offenbar wurde ein nicht zugelassenes Reinigungsmittel namens Dega-16 benutzt. Der niederländische Hersteller könnte Legebetriebe bewusst getäuscht haben. Die belgischen Behörden stehen zudem in der Kritik: Sie sollen erst sieben Wochen, nachdem erste Hinweise auf belastete Eier festgestellt worden waren, das Europäische Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel aktiviert haben.

Was ist Fipronil – das Gift, das in den Eiern steckt?

Für Bienen, Zecken, Milben, Flöhe – also alle möglichen wirbellosen Tiere – ist Fipronil tödlich. Kommen sie mit dem Insektizid in Berührung, nimmt ihr Körper es auf, es gelangt ins zentrale Nervensystem und entfaltet seine tödliche Wirkung: Im Todeskampf zappeln sie erst – eine Folge des chaotischen Erregungsgewitters der Nervenzellen, die das Gift enthemmt. Als Nächstes sind sie gelähmt. Dann sterben sie.

In den 1980er Jahren entwickelten französische Chemiker das Gift, das seither auf Feldern gegen Insekten versprüht wurde. In Deutschland zum Beispiel sollte es Kartoffeln vor Drahtwürmern schützen. In Europa ist es seit 2013 nicht mehr uneingeschränkt zugelassen – in Notfällen, bei einem akuten Befall, darf es in Deutschland in bestimmten Fällen für einen begrenzten Zeitraum verwendet werden. Mais zum Beispiel darf damit gar nicht mehr behandelt werden, weil Fipronil auch zum Bienensterben beiträgt. Dort, wo Lebensmittel hergestellt werden – also in Ställen, wo Hennen Eier legen, Kühe Milch produzieren oder Tiere zur Fleischproduktion gehalten werden –, ist das Mittel verboten. Alles, was im Lebensmittelbereich damit in Kontakt kam, muss entsorgt werden.

Wie giftig ist es für Menschen?

Krebserregend oder erbgutschädigend ist das Gift nach derzeitigem Wissensstand nicht, urteilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Allergien und Hautreizungen löse es ebenfalls nicht aus. Auch wenn die niederländische Lebensmittelaufsichtsbehörde NVWA zunächst warnte, der Verzehr könne gesundheitsschädlich sein: Die niedrigen Dosen des Insektizids, die bisher in den Eiern gefunden wurden, werden höchstwahrscheinlich niemanden direkt krankmachen. "Für Erwachsene ist das noch nicht gefährlich", sagte eine BfR-Sprecherin. Offiziell kann derzeit von keiner gesundheitlichen Beeinträchtigung ausgegangen werden. Zwar scheint mittlerweile klar, dass Fipronil wohl nicht einmalig und versehentlich in Eier gelangt ist, da niederländische Behörden womöglich bereits im November 2016 einen anonymen Tipp bekamen. Darauf hat das BfR reagiert und seine Bewertung angepasst. Der Süddeutschen Zeitung sagte die Toxikologin Monika Lahrssen-Wiederholt: "Bei Kindern ist der gesundheitliche Richtwert bei einem langfristigen Verzehr zu 76 Prozent ausgeschöpft und bei Erwachsenen zu 24 Prozent". Der Grenzwert werde also nicht überschritten.

Sind Kinder besonders gefährdet?

Weil in Belgien ein einzelner Wert sehr hoch ausfiel, hatten Behörden vor einem potenziell akuten Gesundheitsrisiko für Kinder beim Verzehr der Eier gewarnt. Auf Basis europäischer Verzehrdaten für Kinder war bei diesen speziellen Eiern die akute Referenzdosis bis um das 1,6-Fache überschritten. Denkbare Folgen wären Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen. 

Da das Gift aber in Tierversuchen an Säugetieren in höheren Dosen Leberschäden und Nervenschäden – auch bei Nachkommen vergifteter Muttertiere – verursachte, ist dessen Anwendung in Betrieben, in denen Lebensmittel hergestellt werden, nicht ohne Grund verboten. Vorsichtshalber sollten betroffene Eier auch von Erwachsenen nicht gegessen und am besten dorthin gebracht werden, wo Verbraucher sie gekauft haben.

Wie kam das Gift in die Eier?

Mit dieser Frage beschäftigen sich jetzt die Behörden. Nach Angaben des niedersächsischen Agrarministeriums war bei Legebetrieben im Ausland Fipronil in Ställen nachgewiesen worden. Das Mittel ist als Arzneimittel für die Anwendung in Nutztierbetrieben, die Lebensmittel produzieren, verboten. Also auch dort, wo Hennen Eier legen. Andere Nutz- oder Haustiere, die von Milben, Läusen oder Zecken befallen sind, werden gewöhnlich damit behandelt. Über Haut und Gefieder nehmen Legehennen das Insektizid auf. Rückstände davon können dann auch in den Produkten der Tiere – also in Eiern oder Fleisch – nachgewiesen werden. "Es sollte aber nicht da drin sein und hätte nicht verwendet werden dürfen", sagte ein Sprecher des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft.

Im Moment liegt der Verdacht auf einem Reinigungsmittel namens Dega-16, das das Gift unerlaubt enthalten haben soll. Nach Recherchen des Spiegel soll der niederländische Hersteller Chickfriend die Betriebe, die es damit beliefert hat, bewusst getäuscht haben. So lag dem Mittel ein mutmaßlich gefälschtes amtliches Sicherheitsblatt bei, dass Dega-16 als harmlos beschrieb. Offiziell zugelassen war Dega-16 wohl nie. Chickfriend soll sein Mittel mit dem Versprechen vertrieben haben, es mache die Rote Vogelmilbe unschädlich, die Hühnerställe befällt. Während andere Schädlingsbekämpfer nur bis zu drei Monate vor der Milbe schützen würden, sollte Dega-16 bis zu sechs Monate halten. Auch in deutschen Betrieben wurde Dega-16 vermutlich angewendet. Verbraucherschützer fordern nun stärkere Kontrollen und bessere, verständlichere Informationen für Kunden in solchen Fällen. Ob auch Hühnerfleisch damit belastet ist, wird untersucht.

Woran erkenne ich die Eier, die riskant sind?

In der EU ist jedes Ei mit einem – meist auf das Ei selbst aufgedruckten – Code gekennzeichnet. Der Code setzt sich aus Ziffern und Buchstaben zusammen, die unter anderem für das Land, den Betrieb und das Haltungssystem stehen.Auf dem Portal des Bundesamtes für Verbraucherschutz lebensmittelwarnung.de werden die Nummern der betroffenen Eier genannt, die Liste wird fortlaufend aktualisiert. Die bisher bekannten betroffenen Chargen finden Sie in diesem Infokasten:

Was, wenn ich mehrere solcher Eier schon gegessen habe?

Setzt man den bisher höchsten in Belgien gemessenen Giftgehalt (1,2 Milligramm Fipronil pro Kilogramm) als Maßstab an – nach Deutschland verkaufte Eier wiesen bisher viel niedrigere Belastungen auf –, könnte ein Erwachsener, der 65 Kilogramm wiegt, sieben belastete Eier (jeweils à 70 Gramm) innerhalb von 24 Stunden essen, ehe die akute Referenzdosis erreicht wäre. Bei einem rund 16 Kilogramm wiegenden Kind wären es knapp zwei Eier, bei Kleinkindern von etwa einem Jahr, die um die zehn Kilo wiegen, wäre ein Ei noch unbedenklich.

Und wenn der Grenzwert überschritten ist?

Das BfR weist ausdrücklich darauf hin: Selbst eine Überschreitung der akuten Referenzdosis bedeutet nicht zwangsläufig eine Gesundheitsgefährdung, sondern zeigt nach dem derzeitigen Stand des Wissens an, dass sie lediglich möglich ist. Der Sicherheitsfaktor zwischen der höchsten Dosis in Studien an Sügetieren, bei der keine signifikanten gesundheitsschädigenden Befunde beobachtet wurden, und der akuten Referenzdosis für den Menschen beträgt bei Fipronil 100. Das heißt, die Dosis, die in Tierstudien zu keiner gesundheitlichen Beeinträchtigung führte, wurde durch 100 geteilt, um für die Übertragung auf den Menschen einen angemessenen Sicherheitsabstand zu erlangen.