Coffee to go verursacht Müll. Wie viel genau, weiß zwar niemand. Trotzdem haben zahlreiche Städte und Startups den Wegwerfbechern den Kampf angesagt. Funktionieren solche Pfandsysteme? Und sind Mehrwegbecher aus Plastik wirklich besser für die Umwelt?

Im Berliner Café MadaMe gibt es seit neuestem gar keine Wegwerfbecher mehr. Die Betreiberin Karin Lücker-Aleman hat sich für die radikale Umstellung entschieden. Sie macht mit bei der Aktion Recup: Wer bei ihr einen Kaffee zum Mitnehmen bestellt, bekommt den im mintgrünen oder braunen Becher aus recyceltem Kunststoff. Der kostet einen Euro Pfand und kann wieder abgegeben werden, auch ungespült. Und zwar nicht nur im MadaMe sondern auch in 50 anderen Berliner Cafés und Geschäften, die an der Recup-Aktion teilnehmen. Die meisten bieten Mehrweg- und Einwegbecher nun parallel an. Dahinter steckt ein neu gegründetes Unternehmen, das mittlerweile auch in München, Oldenburg und anderen Städten Café-Besitzer überzeugt hat. Dies ist nur eines von vielen Pfandsystemen, die derzeit ausprobiert werden, darunter Cup For Cup, Just Swap It und stadteigene Projekte wie FreiburgCup oder Hannoccino in Hannover.

Warum werden Pappbecher nicht recycelt?

Sie alle treffen den Nerv der Zeit. Nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbandes wird nämlich jede vierte Tasse Kaffee außer Haus getrunken. Bei einem Pro-Kopf-Verbrauch von 162 Litern würde das rund 40 Litern Coffee to go pro Jahr und Person entsprechen. Viele davon gehen in Einwegbechern über den Tresen. Da die meist aussehen, als seien sie aus reiner Pappe – und zudem oft draufsteht, sie seien verwertbar – denken viele Kaffeetrinker, die Becher würden im Altpapier landen und wiederverwertet. Doch das stimmt nicht.

Die meisten Becher sehen nur aus, als seien sie zu 100 Prozent aus Pappe, sind auf der Innenseite aber mit einer feinen Plastikschicht überzogen. Zwar macht das nur fünf Prozent des Materials aus – doch das reicht für ein gewaltiges Entsorgungsdilemma. Diese Papp-Plastik-Mischung sei "praktisch nicht recyclebar", bestätigt ein Sprecher der Berliner Stadtreinigung. Außerdem landeten die Becher unterwegs fast immer in Straßenmülleimern, deren Inhalt ohnehin untrennbar sei. Was vom Coffee to go übrig bleibt, endet also nicht in der Recycling-, sondern in der Verbrennungsanlage. In anderen Städten läuft es ähnlich.

Kann Plastik umweltfreundlicher sein?

Eine wiederverwertbare Alternative ist zunächst also eine gute Idee. Doch sind die bisherigen Projekte allesamt noch nicht ausgereift.

Zunächst ist da das Material der Mehrwegbecher: Fast immer sind sie ganz oder zum Teil aus Kunststoff. Zwar gibt es auch Varianten aus Naturstoffen wie Bambus, aber der Deckel besteht dann trotzdem aus Silikon oder ist ein üblicher nur einmal verwendbarer Plastikdeckel. Andere sind komplett aus Polypropylen gefertigt, wie viele Lebensmittelverpackungen. Dieser Kunststoff hat sich als gesundheitlich unbedenklich erwiesen, ist hitzebeständig und langlebig: ideal also für einen Kaffeebecher.

Kaffee - Kampf dem Wegwerfbecher 170 Millionen Einwegbecher werden pro Jahr allein in Berlin weggeworfen. Ein Start-up testet ein Becherpfandsystem. Doch es ist schwer, Gewohnheiten zu ändern. © Foto: Zeit Online

Richtig nachhaltig ist der Pfandbecher auch nicht

Über den gelben Sack entsorgt, ist Polypropylen gut recyclebar. Achtlos in die Umwelt geworfen, verrottet es dagegen nicht. Das Material zersetzt sich allenfalls, wenn UV-Strahlung auf es einwirkt und im Kontakt mit Luft und Wasser – aber auch nur in kleinere nichtabbaubare Partikel.

Angenommen, niemand wirft seinen Mehrwegbecher in die Natur, bleibt die Frage, was es an Energie kostet, ihn immer wieder zu reinigen. Und wie oft muss man ihn benutzen, damit sich die Herstellung lohnt?

Mehrweg lohnt sich nach zwei Monaten

So einen Becher einmal zu kaufen und dann nie wieder zu verwenden, bringt jedenfalls nichts. Melanie Speck vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie hat das mit Kollegen durchgerechnet. "Würden Sie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit einen typischen Coffee-to-go-Becher kaufen und wegwerfen, lohnt sich der Mehrwegbecher nach spätestens zwei Monaten", sagt Speck. Ab dann sei es ökologischer, ihn aufzufüllen, statt einen weiteren Einwegbecher zu benutzen. Speck ist dabei allerdings von der Produktion eines hochwertigen Mehrwegbechers aus Kunststoff und Edelstahl ausgegangen.

Fraglich ist auch, ob sich das Pfandsystem durchsetzen kann. Recup beispielsweise hat rund 45.000 Becher deutschlandweit im Umlauf, die meisten in München und Berlin. Doch wie oft die Kaffeetrinker einen dieser Pfandbecher wählen, kann Mitgründer Florian Pachaly nicht sagen. In den meisten Geschäften gibt es die nicht exklusiv, sondern zusätzlich noch die alte Einwegvariante.

Die Stadt Freiburg hat schon erste Zahlen erhoben: Die Aktion FreiburgCup startete in 15 Geschäften, mittlerweile sind es 90. Der Anteil der in Pfandbechern verkauften Kaffees in den Uni-Cafeterien liege bei bis zu 32 Prozent. In den Bäckereien erreiche man Quoten von maximal zehn Prozent. Das sei nicht beeindruckend viel, gibt Dieter Bootz von der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg zu, doch er hofft, dass der Anteil noch steigen wird: "Jedes Mehrwegsystem braucht Zeit, um sich zu etablieren." Die Servicekräfte könnten viel zum Erfolg beitragen. Sie sollten Kunden auf die Pfandbecher aufmerksam machen.

Viele Becher kommen nicht zurück

"Oft lässt sich das nicht umsetzen, man will den Coffee to go ja schnell mitnehmen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Peter Kenning, Professor für Marketing an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Im Alltag eines Kaffeeladens sei kaum Zeit, um Kunden zum Pfandbecher zu raten.

In Freiburg, wo der Becher zwei Euro Pfand kostet, zeigt sich noch ein Problem. Der dortige Becher hat sich zu einem beliebten und günstigen Souvenir entwickelt. Die Becher, die aus der Stadt verschwinden, werden wohl kein zweites Mal in einem Freiburger Café aufgefüllt. Außerdem würden viele Leute ihren Becher "schlicht zuhause vergessen", sagt Peter Kenning. "Beim nächsten Kaffeekauf greifen sie dann wieder zum Wegwerfmodell, weil sie nicht noch mal Pfand ausgeben wollen."

Das Müllproblem durch Kaffeebecher ist gar nicht so groß

Ein Euro oder mehr sei vielleicht manchen zu viel Pfand, sagt die Verbraucherökonomin Lucia Reisch. "Andererseits ist der Anreiz, den Becher zurückzubringen, mit Sicherheit zu niedrig, wenn der Pfand weniger kostet."

Wie groß das Müllproblem durch Einwegkaffeebecher tatsächlich ist – auch das ist alles andere als klar. 320.000 Becher pro Stunde, rund 2,8 Milliarden pro Jahr würden in Deutschland verbraucht, hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) errechnet. Das entspräche ungefähr 40.000 Tonnen Einwegbechermüll jährlich.

Das klingt dramatisch – doch die Hochrechnung hat einige Tücken: So geht sie bei 162 Litern Kaffee pro Jahr und Person von 15 Prozent Unterwegsverzehr aus, von denen wiederum knapp ein Drittel im Einwegbecher erfolge. Bei durchschnittlich 0,22 Litern Kaffee pro Becher – die Milch herausgerechnet – käme man so auf 34 Becher pro Nase im Jahr. Allerdings werden hier Schätzungen des Deutschen Kaffeeverbandes, Ergebnisse einer Aral-Umfrage und einer Marktforschungsuntersuchung vermischt, die schwer vergleichbar sind. Und kein Kaffeeladen führt genau darüber Buch, wie viele Latte Macchiatos, Cappucinos, Espressos und Americanos in Einwegbechern über seine Ladentheke gehen und wie groß dabei der Milchanteil war.

Unser Müllproblem ist ein ganz anderes

Dem gegenüber stehen Zahlen des Umweltbundesamtes, die allerdings schon älter sind. Für 2012 hat die Behörde aus Daten von Verbänden, der Abfallwirtschaft und Umweltstatistiken ermittelt, dass 106.000 Tonnen Wegwerfbecher in Deutschland verbraucht worden sind. Darin schließt die Behörde allerdings nicht nur Kaffeebecher, sondern auch solche für Kaltgetränke sowie die kleinen Rührstäbchen aus Plastik ein. Angenommen, auf Kaffeebecher entfielen tatsächlich mehrere Zehntausend Tonnen, wie die DUH angibt, ist das nicht wenig. Im Vergleich zu den 16,6 Millionen Tonnen Verpackungsmüll sowie den 45 Millionen Tonnen Haushalts- und Siedlungsabfällen ist die Zahl dennoch eher gering. Plastikverschlüsse von Flaschen kamen im Jahr 2012 etwa auf 203.000 Tonnen, also fast die doppelte Menge.

Ausgerechnet das Müllproblem durch Kaffeebecher anzugehen, hält Wolfgang Rotard für irrelevant, verglichen mit dem Gesamtaufkommen an Kunststoffen in Deutschland. "Da zeigt sich typischerweise die Kleinkariertheit in Sachen Umweltschutz", sagt der Umweltchemiker von der Technischen Universität Berlin. "Gleichwohl kann man ja nichts gegen eine Reduzierung von Verpackungsmüll einwenden – Mehrweg ist meist besser als Einweg."

Experten sind pessimistisch

Der Pfandbecher könnte die Abfallwirtschaft immerhin zu einem kleinen Teil entlasten. Und Recup-Mitbegründer Florian Palachy hat Recht, wenn er sagt, dass es nicht sinnvoll ist, ein Produkt für 15 Minuten Gebrauch zu produzieren. Doch solange das Pfandsystem nicht ausgereift und weit genug verbreitet ist, werden sich die Mehrwegbecher in Büroküchen stapeln oder als Behälter in Haushalten verschwinden. Denn im Vergleich zu Plastikbechern im Verkauf sind sie für einen bis zwei Euro günstig.

Also am besten den eigenen Thermobecher auffüllen lassen? Würde es jeder so machen, wäre das wohl die beste Lösung. So ein Behälter hält das Getränk zudem lange warm und mit einem verschließbaren Deckel läuft der Kaffee auch nicht über die Hand, wenn man zur Bahn rennt. Pfand ließe sich ebenfalls sparen. Besser noch: Viele Geschäfte geben inzwischen Rabatt, wenn der Kunde seinen eigenen Becher mitbringt.

Diese Idee muss sich aus Forschersicht aber erst noch etablieren. "Ich finde die Projekte sehr gut und sie sind es wert, gefördert zu werden. Aber wie lange hat es allein gedauert, bis Leute regelmäßig ihre Einkäufe in Stoffbeuteln verstaut haben? Jahrzehnte!", sagt Wirtschaftswissenschaftlerin Lucia Reisch. Und auch Peter Kenning sagt: "Generell nehmen Menschen ein Konzept schneller an, wenn sie den damit verbundenen Nutzen sofort erkennen." Es sei aber sehr aufwändig, den Becher ständig mit sich herumzutragen und ihn unterwegs wieder sauber zu machen, bevor der nächste Kaffee hineingegossen wird. "Das Mehrwegsystem für Kaffee zum Mitnehmen ist wünschenswert", sagt Kenning. "Aber angesichts all dieser Faktoren glaube ich, es wird erst mal bei einzelnen Projekten bleiben."

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