Krabbenfischerei war schon immer ein Glücksspiel. Das Beutetier Crangon crangon: unberechenbar. Trotz jahrhundertealter Tradition weiß bis heute kein Fischer vor der Ausfahrt, wo sich die Krebstiere genau aufhalten; sie lassen sich nicht orten. Niemand vermag zu beziffern, wann wie viele Krabben in Schlick und Sand gedeihen und wann ihr größter natürlicher Feind, der Wittling, das nächste Mal zuschlägt.

Nie zu wissen, wie viel man an Bord hole, sei reizvoll, sagt der Krabbenfischer Dirk Sander. "Aber es ist auch riskant." In diesem Sommer waren es bis Ende Mai gerade mal tausend Tonnen. Halb so viel wie im Vorjahr – und schon da waren die Anlandungen geringer als zuvor ausgefallen (siehe Grafik).

In der Folge gab es Krabben wochenlang nur zum Rinderfilet-Preis. 11,39 Euro pro Kilogramm zahlten Händler 2017 bislang durchschnittlich. Ein Preis, der Fischern trotz geringer Fangmengen die Existenz sicherte. Verbraucher zahlten jedoch so viel wie nie für ein Krabbenbrötchen. Die Buden an den Strandpromenaden riefen Rekordpreise von bis zu 11,50 Euro pro Krabbenbrötchen auf. 100 Gramm Nordseekrabbensalat aus dem Supermarkt kosteten mindestens 4,00 Euro.

Auch wenn Sander wieder mehr Krabben im Netz findet, zeigt sich auf dem Markt bisher kaum Entspannung. In Büsum, dem historischen Zentrum des Krabbenfangs, zahlen Kunden um die sechs Euro für ein Brötchen mit 60 Gramm der Meeresspezialität. An Hamburgs Landungsbrücken in St. Pauli kostet das Brötchen mit 120 Gramm Krabben weiterhin 11,50 Euro. Das würde auch noch ein Weilchen so bleiben, man habe als Verkäufer selbst bei dem Preis noch Verlust gemacht, heißt es in einem Geschäft.

Ein anderes Extrem erlebten die Fischer 2011 (siehe Grafik): Damals gab es so viele Krabben, dass sie bewusst aufhörten zu fischen, um die Preise wieder auf mehr als zwei Euro steigen zu lassen. Weil zahlreichen Fischern die Insolvenz drohte, manche gar ihren Kutter aufgaben, ist es als Katastrophenjahr in die Geschichte eingegangen.

"Die Probleme haben bereits 2016 begonnen", sagt Sander. Schon damals trieben auffällig viele Wittlinge in der Nordsee ihr Unwesen. Sie fraßen den Krabbenfischern die Beute weg, noch bevor die Tiere groß genug für die Netze waren. "Im Frühjahr 2017 dann waren die Lager leer, die Krabben aus, die Nachfrage ungebrochen groß", sagt Sander. Wittlingsjahre habe er viele miterlebt. Doch leere Netze über so lange Zeit? Sehr selten.

Das rote Gold aus der Nordsee

Sander liebt die Einsamkeit auf dem Meer, die Freiheit in der Natur. Mitte der 1960er Jahre lernte er, Krabben zu fischen, wie sein Vater und Großvater zuvor. "Meine Familie hat Krabben gefangen, so weit wir zurückdenken können." Seit Generationen sichert das "rote Gold der Nordsee" ihren Lebensunterhalt. Während sein Sohn dieser Tage mit dem Kutter rausfährt, führt Sander die Geschäfte der Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer (siehe Infobox). Das Ziel der 2012 gegründeten Gruppe: Ruhe in den Markt bringen und die Schwankungen in den jährlichen Erträgen ausgleichen. Das habe bislang gut funktioniert. "Es hat sich ausgezahlt, als starke Einheit aufzutreten", sagt Sander.

Was die mageren Bestände der Krabben angeht, scheint das Schlimmste vorerst ausgestanden. Wie Sander berichtet, füllen sich die Netze langsam, aber stetig. Doch statt Entspannung steht der nächste Aufreger an: Krabbenfischer aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden sollen das begehrte MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei bekommen – das haben Gutachter empfohlen, die die Voraussetzungen für das Siegel prüfen.

Umweltschützer halten dagegen und haben nun offiziell Widerspruch eingelegt. Ihrer Ansicht nach ist die Krabbenfischerei bei Weitem nicht nachhaltig genug, um so ein Siegel zu rechtfertigen.