ZEIT ONLINE: Sie haben Ihr Fernseh- und Radiostudio des Senders ABS auf Antigua, der Nachbarinsel von Barbuda in der Karibik. Während Antigua von Hurrikan Irma weitgehend verschont wurde, hat der Sturm Barbuda mit voller Kraft getroffen. Wie ist die Situation dort jetzt?

Erna-Mae Brathwaite: Es liegt alles in Schutt und Asche – Häuser, Straßen, Häfen. Es steht kaum noch ein Haus. Gerade ist die Insel unbewohnbar.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Kontakt zu den Menschen, die jetzt dort sind?

Brathwaite: Während des Hurrikans war der Kontakt abgerissen. Erst als der Premierminister am Donnerstagnachmittag auf die Insel fliegen konnte, erfuhren wir, was für ein unfassbares Unheil der Sturm hinterlassen hat. Inzwischen hat die Regierung Kontakt zu allen Einwohnern Barbudas.

ZEIT ONLINE: Wie geht es denen?

Brathwaite: Wir hatten insgesamt unfassbares Glück. Ein Wunder, dass nur ein Mensch gestorben ist. Tragischerweise riss der Wind ein Kind aus den Armen seiner Mutter, als sie aus ihrem zusammenstürzenden Haus fliehen wollte. Jetzt evakuieren wir die Insel, weil hinter Hurrikan Irma gleich der nächste tropische Sturm naht: José. Bis gestern war es noch freiwillig, Barbuda zu verlassen. 300 der knapp 1.800 Einwohner sind schon nach Antigua gekommen. Aber heute hat der Premierminister eine verpflichtende Evakuierung angeordnet. Er ist selbst gerade dort, um diejenigen, die nicht kommen wollen, zu überzeugen. Alle müssen sofort von Barbuda weg!

Hurrikan Irma über Barbuda

Die Windschneise durch Hurrikan Irma ist in der Karte rot markiert. Zoomen Sie heraus, um einen größeren Kartenausschnitt zu sehen.

ZEIT ONLINE: Aber der Sturm José wird nach allen Vorhersagen nicht so stark werden wie Irma.

Brathwaite: Das stimmt. Und er wird wohl auch nicht mit dem Auge des Sturms über Antigua und Barbuda ziehen. Aber es wird Regen und Sturm geben. Der Wind könnte Trümmerstücke aufheben, die überall auf Barbuda liegen, und sie zu gefährlichen Geschossen machen. Das könnte weitere Menschen verletzen. Deshalb evakuieren wir.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auf Antigua Flüchtlingscamps eingerichtet?

Brathwaite: Sozusagen. Die Menschen werden in Stadien und in Kulturzentren untergebracht. Auch die Bewohner von Antigua öffnen ihre Türen für die Flüchtlinge der Nachbarinsel.

ZEIT ONLINE: Wie geht es dann weiter?

Brathwaite: Erst einmal müssen wir Nothilfe leisten und José überstehen. Gestern kamen die ersten ausländischen Hilfslieferungen – ein Flugzeug aus Venezuela. Und das Rote Kreuz hilft aus der Ferne, die medizinische Versorgung zu koordinieren.

Barbuda wurde von Hurrikan Irma schwer getroffen. Aktuelle Luftaufnahmen von GoogleEarth zeigen schwer beschädigte Gebäude nahe des Flughafens der Karibikinsel.

ZEIT ONLINE: Werden Sie die Insel komplett wiederaufbauen?

Brathwaite: Noch denken wir nicht an den Wiederaufbau. Aber prinzipiell kann die Zerstörung auch ein Wendepunkt für die Wirtschaft sein. Eine Chance für Barbuda, um ausländisches Investment anzulocken. Bisher arbeitet der Großteil der Menschen auf Barbuda im öffentlichen Dienst. Die Bewohner waren nie besonders offen gegenüber Fortschritt.

ZEIT ONLINE: Die gesamte Infrastruktur der Insel ist zerstört. Wie können Sie so optimistisch sein?

Brathwaite: Das müssen wir! Ich habe ein Haus auf Antigua, das 1995 von Hurrikan Luis beschädigt wurde. Danach habe ich das Haus ausgebessert, so wie viele andere Menschen ihre Häuser. Die gesamte Bausubstanz auf Antigua hat dadurch gewonnen. Heute sind wir viel besser auf den nächsten Hurrikan vorbereitet.

ZEIT ONLINE: Gibt es bereits Hilfszusagen für den Wiederaufbau? Haben die nahe gelegenen USA zum Beispiel Unterstützung versprochen?

Brathwaite: Nein, alle schauen dort gerade nach Florida. Wir kennen das schon. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich auf die USA und Städte wie Miami. Die kleineren Inseln werden von der Presse ignoriert. Wir freuen uns deshalb über jede Aufmerksamkeit.