ZEIT ONLINE: Wer heute US-Fernsehen schaut, bekommt den Eindruck, der schlimmste Hurrikan aller Zeiten rase auf die USA zu: Irma. Hört man genauer hin, kommt raus: Es ist der stärkste bisher über dem Atlantik erfasste Hurrikan, entstanden "außerhalb der Karibik und des Golfs von Mexiko". Das ist zwar dramatisch, aber nicht dasselbe. Besonders betroffen ist zunächst nicht das Festland der USA, sondern die Kleinen Antillen, etwa Barbuda, dann Puerto Rico, Kuba, die Dominikanische Republik, Haiti. Wie verheerend werden die Folgen von Irma sein?

Andreas Friedrich: Irma ist ein katastrophaler Hurrikan der höchsten existierenden Einstufung: Kategorie 5. Der stärkste aller Zeiten ist er sicher nicht. Aber dieser Sturm birgt ein enormes Gefahrenpotenzial. In seinem Auge herrscht ein Tiefdruck von bis zu 914 Hektopascal (hPa). Dieser gewaltige Unterdruck im Vergleich zum Luftdruck außerhalb des Auges sorgt für rasende Windgeschwindigkeiten von knapp 300 Kilometern pro Stunde – einzelne Böen können noch kräftiger sein mit mehr als 375 Kilometern pro Stunde. Auf vielen Inseln der Kleinen Antillen, darunter den Jungferninseln, und an der Küste Puerto Ricos dürften die Schäden allein wegen des Windes immens ausfallen.

ZEIT ONLINE: Sind ähnlich starke Überschwemmungen zu befürchten wie im Raum Houston nach Harvey?

Der Meteorologe Andreas Friedrich ist Wirbelsturm-Beauftragter des Deutschen Wetterdienstes und Pressereferent. © DWD

Friedrich: Irma ist ein viel stärkerer Sturm als Harvey. Und er wird Sturmfluten verursachen. Überall dort, wo der Hurrikan vorbeizieht und heftige Windböen das Land erreichen, wird Meerwasser weit ins Landesinnere gedrückt. Zum Teil erwarten die Meteorologen vom National Hurricane Centre (NHC) der USA wegen des Sturms Wellen von bis zu sechs Metern Höhe. 

ZEIT ONLINE: Während Sturm Harvey die südliche Ostküste der USA entlangzog, haben wir gelernt: Windgeschwindigkeiten allein sagen nicht viel über die Gefährlichkeit eines Tropensturms aus. Harvey rotierte sehr langsam über dem Meer und nahm gerade deshalb Unmengen an Wasser auf, die sich dann als Regen über Land ergießen konnten und die gewaltigen Überschwemmungen verursachten. Welches Niederschlagspotenzial steckt in Irma?

Hurrikan Irma - Verwüstung auf Karibikinsel Barbuda Der Sturm Irma hat 90 Prozent der Gebäude auf der Insel Barbuda zerstört. Behörden in der Region melden mehrere Tote. © Foto: Alvin Baez/Reuters

Friedrich: Laut aktuellen Prognosen sollen bis Donnerstag bis zu 500 Liter Regen pro Quadratmeter auf einigen der Inseln fallen, die Irma treffen wird. Das ist in etwa so viel Niederschlag wie in Berlin in einem Jahr. Gerade in Puerto Rico, wo es hohe Gebirge gibt, ist mit Schlammlawinen und Erdrutschen zu rechnen.

ZEIT ONLINE: Während über dem Atlantik ein heftiger Hurrikan auf den nächsten folgt, sind in Indien, Pakistan und Bangladesch in den vergangenen Wochen mehr als 2.000 Menschen an den Folgen anhaltender Monsun-Regenfälle gestorben. Sind solche gleichzeitigen Wetterextreme rund um den Erdball Zufall?

Friedrich: Die Hurrikane über dem Atlantik und der Monsun am Indischen Ozean – das sind zunächst unabhängige Wetterereignisse, die in keiner direkten Beziehung stehen. Was sie gemeinsam haben: Sowohl im Atlantik als auch in den tropischen Meeren ist das Wasser derzeit ungewöhnlich warm. Im Golf von Mexiko wurden zuletzt Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius gemessen; das sind starke Anomalien über dem langjährigen Mittel. Wegen des warmen Wassers können sich über dem Atlantik Hurrikane bilden, die sehr viel Wasserdampf aufnehmen und dadurch besonders starken Niederschlag ermöglichen. Auch der Monsun wird stärker, wenn das Meerwasser im Indischen Ozean warm ist, weil dann mehr Wasserdampf in die Atmosphäre aufsteigt. Ähnlich im Pazifikraum. Man kann also sagen: Wärmeres Meerwasser ist die Grundlage für heftigere Stürme und Starkregen.


Aufnahmen von der Internationalen Raumstation im All machen Irmas Ausmaß deutlich.

ZEIT ONLINE: Und an diesem Punkt gibt es einen Zusammenhang mit der globalen Erwärmung.

Friedrich: Genau. Zwar lässt sich kein einzelner Hurrikan, kein Monsun-Ereignis direkt auf den Klimawandel zurückführen. Aber das, was wir derzeit weltweit erleben, passt in den Trend der globalen Erwärmung. Wir können sehen, dass wir im Zuge weiter steigender globaler Durchschnittstemperaturen mit stärker werdenden Extremwettereignissen rechnen müssen. Bestimmte Arten von Unwettern werden an manchen Orten häufiger auftreten.

ZEIT ONLINE: Sind die spürbaren Folgen in Ländern wie Indien, Bangladesch oder Pakistan nicht viel gravierender als etwa in den USA? 

Friedrich: Houston mag schlecht vorbereitet gewesen sein, aber in den Hurrikangebieten – vor allem in den USA – funktioniert die Kette aus Vorhersagen, Warnungen und Evakuierungen verglichen mit der Situation im pazifischen Raum gut. Wegen der viel dichteren Besiedlung und einer ganz anderen Infrastruktur führen Unwetter im Raum um den Pazifik und den Indischen Ozean leider regelmäßig zu deutlich mehr Opfern. Dort ist es vielerorts gar nicht möglich, die Menschen rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Außerdem halten Monsunregen über Wochen an.

Ist einer der Gründe El Niño?

ZEIT ONLINE: Regelmäßig verstärken Wetterphänomene wie El Niño außerdem Unwetter in Asien. Die Landmasse Indiens hat sich darüber hinaus in den vergangenen Jahrzehnten stark aufgeheizt, der Temperaturunterschied zwischen Land und Wasser ist größer geworden – ebenfalls Faktoren, die den Monsun verstärken. Welche Rolle spielt El Niño im Moment?

Friedrich: Eher eine untergeordnete. Derzeit geht es global eher wieder in Richtung La Niña, also hin zu einer Situation, in der mit weniger starkem Monsun zu rechnen wäre. Dass der dieses Jahr trotzdem so stark ausfällt, zeigt einmal mehr, wie komplex das globale Wettergefüge ist und eben sehr viele Einflüsse zusammenspielen.

ZEIT ONLINE: Und wie sehen die Prognosen für Irma aus?

Friedrich:Satellitenaufnahmen, Messungen mit Sonden aus dem Auge des Sturms, Langzeitwetterdaten – all das fließt in Computermodelle ein, die als Basis für Vorhersagen und Warnungen dienen. Es gibt unterschiedliche Modelle, maßgeblich für Irma sind derzeit das der US-Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung (NOAA) und das des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage. Beide ergeben, dass Irma in den kommenden vier bis fünf Tagen ein Hurrikan der Kategorie 5 bleiben wird. Voraussichtlich zieht er an der Nordküste von Kuba vorbei in Richtung Florida. Allerdings haben die Vorhersagen momentan noch eine Unsicherheit von rund 400 Kilometern. Eine Großstadt wie Miami könnte also voll oder gar nicht getroffen werden. Erst 48 Stunden vorher wissen Meteorologen mehr und geben dann konkrete Warnungen heraus, wo evakuiert werden sollte.

Wirbelsturm Irma

Die graue Linie ist die wahrschein­lichste Route. Die Fläche zeigt, wo Irma von dieser abweichen könnte, nicht die Größe des Sturms.

ZEIT ONLINE: Ist mit Irma der Höhepunkt der atlantischen Hurrikansaison erreicht? 

Friedrich: Die hohe Wassertemperatur begünstigt weiterhin starke Stürme. Im langjährigen Mittel über Jahrzehnte sehen wir, dass die stärksten Hurrikane fast alle zwischen dem 1. September und dem 1. Oktober auftraten. Über dem Atlantik braut sich bereits der nächste große Wirbelsturm zusammen: José. Er könnte schon in wenigen Tagen dieselben Inseln und Küsten wie Irma heimsuchen. Allerdings sind die Vorhersagen hierfür noch vage.

Joe Raedle/Getty Images
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Was ist Wetter, was Klima?

Das Klima

... ist das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, etwa 30 Jahre.

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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