ZEIT ONLINE: Herr Letchford, wir haben uns die Tropenstürme und schweren Hurrikane der USA aus fünf Jahrzehnten angeschaut (siehe Grafik). Schaut man sich die gelben und roten Linien an, sieht es so aus, als seien Tropenstürme über dem Atlantik in den letzten 20 Jahren häufiger und heftiger geworden. Ist das so?

Christopher Letchford: Nein, auch wenn es so scheinen mag. Wir sehen in dieser Statistik eine große Streuung der Werte. Bezogen auf die globale Klimaentwicklung sind 50 Jahre außerdem ein sehr kurzer Zeitraum. Das reicht nicht, um einen Trend zu erkennen. Selbst wenn man sich die Aufzeichnungen aller Stürme und Hurrikane ansieht, die in den vergangenen 150 Jahren in den USA auf Land getroffen sind, ist nur ein ganz leichter Aufwärtstrend zu beobachten, was die Häufigkeit und die Intensität angeht. Welche Ursache der hat, sagt die Statistik ohnehin nicht aus.

ZEIT ONLINE: Meteorologen erklären immer wieder: Wird die Erde im Schnitt wärmer und heizt sich insbesondere das Meerwasser auf, können Tropenstürme mehr Wasserdampf aufnehmen, größer werden und mehr Niederschlag erzeugen, sobald sie auf Land treffen. Erleben wir nicht genau das gerade bei Harvey, Irma und dem nächsten drohenden Sturm: José?

Letchford: Durchaus. Der Zusammenhang ist bekannt. Höhere Temperaturen an der Meeresoberfläche führen wie eine Art Dampfmaschine dazu, dass Hurrikane mehr Energie aufnehmen. Auch Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, je wärmer sie ist. Heftigerer Regen ist die Folge. Alle ernstzunehmenden Forscher sind sich einig, dass die globale Erwärmung diesen Effekt schon heute verstärkt. Nur ist das ein Mechanismus, den Sie bisher nicht in der Hurrikan-Statistik sehen können.

Christopher Letchford leitet die Abteilung für Zivil- und Umwelttechnik am Rensselaer Polytechnic Institute, einer privaten technischen Hochschule in New York. Sein Team hat Hurrikan-Daten aus 150 Jahren analysiert. © Christopher Letchford/Rensellaer Institute

ZEIT ONLINE: Besonders die gelbe Linie der Grafik zur Häufigkeit schwerer Hurrikane ab Kategorie drei zeigt einen Peak im Jahr 2005. Was war da los?

Letchford: Das kann ich nicht genau sagen. Zumindest war das Wasser an der Meeresoberfläche in der Saison 2004/2005 im Atlantik und dem Golf von Mexiko ungewöhnlich hoch, die Luftfeuchtigkeit ebenfalls, und es herrschten besondere Scherwinde. Alles Faktoren, die die Bildung von Hurrikanen begünstigen.

ZEIT ONLINE: Anomalien sieht man auch in den Jahren 2010, 2011 und 2012, die offenbar sehr stürmisch waren. In jedem der Jahre wurden 19 Tropenstürme registriert, wie an der gelben Linie in der Grafik zu sehen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Letchford: Das können immer noch Ausreißer sein. Der Zeitraum, die Anzahl der Stürme – all das reicht nicht aus, um einen Trend auszumachen. Dafür haben viel zu viele Dinge Einfluss auf jede Hurrikan-Saison. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie werfen eine Münze und wollen statistisch erfassen, ob sie gezinkt ist und deshalb häufiger auf die eine Seite fällt als auf die andere. Dazu müssten Sie bei nur zwei Möglichkeiten – Kopf oder Zahl – ziemlich häufig werfen, bis Ihre Statistik jenseits von zufälligen Häufungen einen Trend zeigt, der etwas aussagt. Jetzt stellen Sie sich mal so eine Statistik für einen Würfel mit sechs Variablen vor. Und nun für die Hurrikane, deren Schwere und Frequenz von einem Vielfachen an Faktoren abhängen.

Diese Karte der Website Windy.com speist sich aus Wetterdaten und zeigt die aktuelle Position des Hurrikans Irma und weiterer Wirbelstürme.