Mexiko ist ein Hochrisikogebiet für schwere Erdbeben. Unter dem Land schiebt sich die Cocos-Erdplatte, benannt nach den Cocos-Inseln im Pazifik, unter die Nordamerikanische Platte. Dabei falten, knittern und quetschen sich die Erdmassen. Löst sich die Spannung, geht ein Ruck durch alle Erdschichten bis an die Oberfläche.

Noch dazu ist Mexiko-Stadt auf schlammigem Untergrund gebaut. Wo heute Hochhäuser, Straßenschluchten und Slums dicht an dicht stehen, lag früher ein See. Was passiert, wenn dort die Erde bebt, hat der Geophysiker John Bellini vom United States Geological Survey – dem US-Zentrum, an dem alle Erdbebendaten zusammenlaufen – einmal so erklärt: Die Schockwellen verstärken sich, schaukeln sich auf "wie in einer Schüssel Wackelpudding".

Warnung per App und Sirene

Dass Mexiko wieder einmal ein schweres Beben erlebt, ist also keine Überraschung. Nur, dass es am Mittwochnachmittag um 13.14 Uhr und 39 Sekunden mit einer Stärke von 7,1 unter Mexiko-Stadt – also bildlich gesprochen unter der mit Hochhäusern bebauten Schüssel Wackelpudding – passieren würde, das konnte niemand vorhersehen.

Epizentren der Erdbeben

Die Menschen in der Millionenstadt hatten noch Glück im Unglück. Denn anders als die meisten Metropolen der Welt, die auf wackligem Grund gebaut sind, hat Mexiko-Stadt ein Frühwarnsystem. Um 13.15 Uhr und 4 Sekunden registrierte die Leitstelle des Warnsystems am Mittwoch an 25 Sensoren eine erhebliche Erschütterung. Elf Sekunden später ging die Warnung an die Bevölkerung heraus: per App und über Sirenen in den Städten.

Das Epizentrum, also die Stelle an der Erdoberfläche, wo die Wellen der Erschütterung am schnellsten eintreffen und die stärksten Schäden verursachen, lag rund 140 Kilometer entfernt von Mexiko-Stadt im Bundesstaat Puebla. Wegen dieser Distanz hatten die Großstädter genau 20 Sekunden Zeit zu handeln. Im entfernteren Oaxaca waren es sogar 48, in Acapulco 35 Sekunden – in der Stadt Puebla selbst gerade einmal zwölf.

Anfang der 1990er-Jahre hatte Mexiko das Warnsystem Sasmex aufgebaut. Heute gibt es verstreut entlang des Pazifiks etwa 100 Sensoren. Sie erfassen Erschütterungen und melden diese an eine Zentrale. Dort errechnen Computer, ob eine Warnung nötig ist. Eine knappe Minute dauert allein die Datenübertragung.

Mexikos letztes große Beben ist keine zwei Wochen her

Erst in der Nacht vom 7. auf den 8. September hatte ein Erdbeben mit Magnitude 8,1 Mexiko erschüttert. Es war das stärkste in Mexiko seit mehr als 80 Jahren. Mit 7,1 war das aktuelle Beben an seinem Entstehungsort unter der Erde also sogar schwächer, dennoch richtete es größere Schäden an, mehr Menschen starben.

Das zeigt: Die Stärke der Erschütterung im Erdinnern ist nur ein Faktor. Ein weiterer ist, wie tief der Ursprung des Bebens unter der Erde liegt. In diesem Fall waren es um die 50 Kilometer – was viel klingt, für ein Erdbeben aber relativ nah an der Oberfläche ist. Entsprechend stark waren die Erschütterungen zu spüren.

Für die Schäden relevant ist auch, wie weit es sich ausbreitet: Von den knapp 130 Millionen Mexikanern haben fast 60 Millionen das Beben am Mittwoch gespürt. 1,5 Millionen erlebten schwere Erdstöße. Wie lange die Erschütterungen andauern, wie viele Nachbeben es gibt – all das hat Einfluss auf das Ausmaß der Schäden.

Und natürlich spielt die Bebauung eine große Rolle. Im Ballungsraum von Mexiko-Stadt leben rund 20 Millionen Menschen dicht an dicht – es gibt viele Hochhäuser, daneben Slums, enge Straßenschluchten und Brücken. Die Gefahr von Erdbeben geht hauptsächlich von Gebäuden aus: Menschen sterben, weil sie verschüttet oder durch Feuer verletzt werden, die durch zerstörte Gasleitungen ausbrechen. In der unbebauten Natur wäre ein Erdbeben viel ungefährlicher.