US-Präsident Donald Trump hat den Rückzug seines Landes aus dem Pariser Klimaabkommen angekündigt. An der Klimakonferenz in Bonn nehmen die Vereinigten Staaten zwar teil, aber es wird erwartet, dass sich die offizielle Regierungsdelegation dort eher im Hintergrund hält – ganz im Gegensatz zu Vertretern mancher US-Bundesstaaten, -Städten und -Unternehmen. Dabei spürt man die Auswirkungen des Klimawandels auch in den USA. Zum Beispiel an der Küste Virginias, wo der Meeresspiegel schneller steigt als anderswo.

ZEIT ONLINE: Herr Hein, warum steigt der Meeresspiegel ausgerechnet dort so stark an, wo die Chesapeake Bay in den Atlantik mündet – stärker als anderswo in den USA?

Christopher J. Hein: Dafür gibt es natürliche und menschengemachte Gründe. Reden wir zunächst über die Zahlen: Weltweit steigt der Meeresspiegel um drei Millimeter im Jahr. In Norfolk aber, kurz vor der Mündung des Chesapeake in den Atlantik, ist der jährliche Anstieg fast doppelt so hoch. Das belegen langfristige Messungen. 

ZEIT ONLINE: Über welche Zeiträume sprechen wir?

Hein: Wenn wir – als Größenordnung – die vergangenen hundert Jahre nehmen, dann sehen wir am Pegel Sewells Point in Norfolk einen Anstieg von etwa 5,5 Millimetern. Schauen wir auf eine kürzere Zeitspanne, zum Beispiel vierzig, fünfzig Jahre, dann ist es zwar schwieriger, Verzerrungen auszuschließen. Aber in diesem Zeitraum zeigen Daten für den Pegel am Chesapeake-Bay-Bridge-Tunnel, der nicht weit von Sewells Point entfernt liegt, einen Anstieg von etwa sechs Millimetern. Gehen wir noch weiter zurück, nämlich tausend Jahre, dann sehen wir in der gleichen Gegend einen Anstieg von etwa 1,5 Millimetern jährlich. Wir müssen uns fragen, wie wir von diesen 1,5 Millimetern zu sechs Millimetern gelangt sind. Oder: Warum liegen wir heute über dem globalen Durchschnitt?

ZEIT ONLINE: Und? Warum?

Hein: Der erste Grund ist die Isostasie ... 

ZEIT ONLINE: Den Begriff müssen Sie bitte erklären.

Virginias Küste

Vor Virginia steigt das Meer schnell – besonders schnell vor der Stadt Norfolk.

Hein: Früher war Kanada von einer dicken Eisschicht bedeckt, deren Gewicht das Land nach unten drückte. Um das auszugleichen, stieg die Erdkruste anderswo in die Höhe – und der Punkt, an dem sie am höchsten gehoben wurde, befand sich genau hier, am mittleren Atlantik. Schmilzt das Eis, passt sich die Erdkruste an, aber nur sehr langsam. Was oben war, geht nach unten, und dieser Prozess dauert bis heute an. Das Land senkt sich. Und die Gegend, die am stärksten sinkt, befindet sich hier, zwischen North Carolina und Maryland.

ZEIT ONLINE: Ist das Eis wegen des Klimawandels verschwunden?

Hein: Nicht wegen des menschengemachten. Dieses Eis schmolz vor zehn-, zwölftausend Jahren. Trotzdem spüren wir die Folgen immer noch.

ZEIT ONLINE: Sie haben gesagt, der Meeresspiegelanstieg hier habe mehrere Gründe ...

Hein: Ein weiterer ist, dass vor 35 Millionen Jahren ein Meteor einschlug, und zwar genau dort, wo jetzt die Chesapeake Bay in den Atlantik mündet – also wo sich die Städte Norfolk und Gloucester Point befinden. Die Folgen sind, anders als die der Isostasie, eher auf kleinem Raum spürbar. Der Meteor schuf einen Krater, entlang dessen Rand sich bis heute Felsen und Steine absetzen. Das sind sehr subtile Bewegungen, aber sie reichen kilometertief in die Erdkruste hinab. Zwar ist umstritten, inwieweit das den Meeresspiegelanstieg immer noch beeinflusst. Aber zumindest gibt es da ein Potenzial.

Das sind zwei Gründe für den starken Meeresspiegelanstieg hier in der Gegend, die der Mensch nicht zu verantworten hat. Ein anderer ist zumindest indirekt menschengemacht.

ZEIT ONLINE: Welcher ist es?

Hein: Wegen des Klimawandels erwärmen sich die Gewässer des Nordatlantiks und mehr Gletscher schmelzen. Das verlangsamt – kurz gesagt – den Golfstrom, wodurch wiederum die Sogwirkung des Stroms auf das umliegende Wasser abnimmt ...

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit Sogwirkung?

Hein: Stellen Sie sich vor, auf der Straße fährt ein Lastwagen schnell an Ihnen vorbei. Spüren Sie den Wind? Fährt der Laster langsamer, ist der Wind nicht mehr so stark.

Ähnlich ist es mit dem Golfstrom, nur dass er statt Wind Wasser hinter sich herzieht. Verringert sich seine Geschwindigkeit, saugt er weniger Wasser an – und an der US-Küste zwischen dem Süden North Carolinas und Boston steigt der Meeresspiegel.

ZEIT ONLINE: Warum sagen Sie, dass dieser Effekt nur indirekt auf menschlichen Einfluss zurückzuführen sei?