So schöne Sonnenuntergänge wie in den vergangenen beiden Tagen hat San Francisco lange nicht erlebt. Glutrot hing die Sonne in den Abendstunden über der Stadt, eine fast unnatürlich erscheinende Färbung. Ursache für das Naturschauspiel sind die Aschepartikel in der Luft. Die kalifornische Metropole, sonst bekannt für die kühle Meeresbrise, die vom Pazifik weht, verzeichnet seit Tagen eine Luftqualität wie Peking. Die Schulkinder dürfen in der Pause nicht draußen spielen, es sind weniger Radfahrer auf den Straßen zu sehen, Gesichtsmasken sind ausverkauft.

Das mag das Leben in der Stadt für ein paar Tage beschwerlicher machen – die Menschen 50 Kilometer nördlich sind existenziell betroffen. Mehr als 20.000 Menschen wurden evakuiert, 3.500 Häuser gingen in Flammen auf. Bis Freitag sind 31 Menschen gestorben, mindestens 463 wurden noch vermisst. Die Hoffnung, dass sie lebend irgendwo auftauchen, schwindet mit jeder Stunde.

Seit Sonntag wütet das Feuer im Norden Kaliforniens auf einer Fläche von fast 700 Quadratkilometern. Die Menschen in der Bay Area rieben sich am Montagmorgen die Augen, nicht nur wegen der schlechten Luft: Am Sonntag hatte es keine großen Meldungen über Waldbrände gegeben, über Nacht war die Feuerwalze über mehrere Städte hinweggefegt. Wie konnte das passieren?

Genug Brennstoff, ein Funke und der Wind

Waldbrände gibt es in Kalifornien in jedem Herbst, aber dass die Feuer so nahe an die Metropolregion mit ihren sieben Millionen Einwohnern herankommen, das hat hier noch niemand erlebt. Es ist eine der größten Feuerkatastrophen seit Menschengedenken, und natürlich fragen viele wieder, was das mit dem Treibhauseffekt und der globalen Erwärmung zu tun hat. In diesem Fall scheint die Antwort paradox: Gerade weil Kalifornien in diesem Frühjahr eine kleine Atempause in der seit Jahren herrschenden Trockenheit hatte, schlugen die Brände nun umso brutaler zu.

Drei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Feuer sich auf einer großen Fläche ausbreiten kann: Erstens muss es Brennstoff geben. Und der entstand im vergangenen Winter. Zwischen Oktober und Mai gab es Rekordregenfälle, die von den Einheimischen mit Jubel begrüßt wurden – die braunen Berghänge ergrünten erstmals seit Jahren. Das hielt ein paar Monate an, dann kam der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Seit Juli fiel nur ein Viertel der üblichen Regenmenge. Die frisch gewachsene Biomasse verdorrte und wurde zum Futter für die nun wütenden Brände.

Feuer in Kalifornien

Aktive und noch schwelende Brandherde im US-Bundesstaat

Zweitens braucht es einen Zündfunken, der das Feuer entfacht. Und da tappen die Ermittler noch im Dunkeln. Gleich 22 Brandherde loderten im Verlauf der vergangenen Woche im ganzen Staat auf. Dabei hatte es keine Gewitter gegeben – Blitze sind häufig der Auslöser für Waldbrände. So bleibt eigentlich nur noch der Mensch als Ursache. Das muss kein Vorsatz gewesen sein: Schon ein Funke von einem auf der Straße schleifenden Metallteil oder eine achtlos weggeworfene Zigarette können fatale Folgen haben. Im Verdacht stehen auch der staatliche Energieversorger Pacific Gas & Electric Company (PG&E) und seine im internationalen Vergleich eher rustikale Infrastruktur: Haben Stromleitungen das Feuer ausgelöst, nachdem der Wind die Masten umgepustet hat? Oder sind die Masten erst umgestürzt, als es schon brannte? Die Ermittlungen werden Monate dauern.