ZEIT ONLINE: Sturmtief Xavier hat an mehreren Orten in Deutschland schwere Schäden angerichtet. Mindestens acht Menschen kamen ums Leben, die meisten wurden von Ästen oder umstürzenden Bäumen, teils im Auto erschlagen. Eigentlich sah der Sturm auf der Wetterkarte relativ klein aus. Warum waren die Auswirkungen dennoch so heftig? 

Adrian Leyser: Tatsächlich hatte das Sturmtief Xavier räumlich keine so große Ausdehnung. Aber es war ein schnell ziehendes Randtief: Solche kleinräumigen Schnellläufer sind nicht zu unterschätzen, denn sie bringen in vielen Fällen sehr plötzlich sehr starke Böen mit. Neben der Stärke der Böen ist unter anderem die Frage, in welchen Regionen die stärksten Böen auftreten (Großstadt oder Land) und zu welcher Jahreszeit (Herbst oder Winter), entscheidend für das Schadensausmaß, die ein Sturm anrichtet. Aus diesen Überlegungen heraus haben wir für Xavier auch eine großflächige Unwetterwarnung herausgegeben, obwohl die Böen streng genommen nicht überall die Unwetterkriterien erfüllten.

ZEIT ONLINE: Und wie heftig wurde es dann?

Adrian Leyser ist Diplommeteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD). © DWD

Leyser: Xavier führte vielerorts zu schweren Sturmböen von bis zu hundert Kilometern pro Stunde, teils zu orkanartigen Böen und vor allem im Berliner Raum zu Orkanböen von bis zu 120 Kilometern pro Stunde. 

ZEIT ONLINE: Es stürmt im Herbst immer in Deutschland, leider kommen dabei vereinzelt auch jedes Jahr Menschen ums Leben. Aber mindestens acht Tote wie diesmal – ist das nicht relativ viel?

Leyser: Die genauen Statistiken dazu führen die Versicherungen (siehe Grafik), aber es ist auf jeden Fall ein Sturm mit sehr schwerwiegenden Folgen gewesen. Das lag auch daran, dass die Bäume noch Laub trugen. Treffen Orkanböen einen Baum, der noch viele Blätter hat, ist die Angriffsfläche für den Wind viel größer, es entsteht ein stärkerer Druck als wenn der Baum kahl ist. Deswegen reißen Stürme zum Anfang des Herbstes mehr Bäume um als im Winter.

ZEIT ONLINE: Wer schon drinnen ist, solle drinnen bleiben, lautet eine Empfehlungen des DWD bei Sturm. Draußen solle man die Nähe von Gebäuden, Gerüsten, hohen Bäumen und Strommasten meiden. Und mit Aufräumarbeiten erst anfangen, wenn der Sturm vorüber ist. Haben Sie den Eindruck, die Leute bekommen die Warnungen mit und nehmen sie ernst? Gestern in Berlin sah man zum Feierabend, als es schon starke Orkanböen gab, noch Fußgänger und Radfahrer auf den Straßen, auch unter Bäumen. Außerdem standen jede Menge Autofahrer im Stau.

Leyser: Wichtig ist, dass die Menschen aufmerksam sind und sich auch in der Stadt bewusst machen: Bäume können umreißen, Äste und Gebäudeteile herabfallen. Aber Unwetterwarnungen müssen auch ankommen. Vor allem die Infokette – also der Weg von den Meteorologen, die die Vorhersagen und Warnungen machen, zur Bevölkerung – hat Lücken oder Schwachstellen, die geschlossen werden müssen. Daran wird aber ständig gearbeitet.