"Immer wenn ich das Knacken der Bäume höre, blutet mein Herz," sagt Adam Bohdan, während er durch den Białowieża-Urwald im tiefen Nordosten Polens patroulliert. Der Aktivist ist hier, um uralte Eichen vor der Abholzung zu schützen. Von seinem Wohnort, der Stadt Białystok, sind es nur etwa 80 Kilometer bis zum Wald. Zu seiner Ausrüstung gehören ein GPS-Gerät, ein Fotoapparat, ein Walkie-Talkie, ein Telefon und Metallketten. Per Funk steht er ständig mit anderen Aktivisten in Verbindung, jederzeit bereit, eine der Forstmaschinen zu blockieren, die einen der letzten Urwälder Europas seit Monaten Baum für Baum kleiner machen.

Schon seit dem Frühling dokumentiert der Biologe fast täglich, wie Förster mit Erlaubnis der polnischen Regierung Bäume abholzen, die teils über 100 Jahre halt sind. "Immer wieder entdecke ich neue Lichtungen", sagt Bohdan. "Für mich wirken diese Orte wie Friedhöfe." Wie viele Bäume genau fallen, ist schwer zu sagen. Die Umweltaktivisten schätzen, dass im Sommer 2017 jeden Tag bis zu 300 Bäume gefällt wurden.

Das Argument Borkenkäferplage

Polens rechtskonservative Regierung (von der Partei PiS gestellt) hatte im Frühjahr 2016 beschlossen, dass zwischen 2012 und 2023 188.000 Kubikmeter Holz im Białowieża geschlagen werden dürfen. Das ist das Dreifache der ursprünglich erlaubten Menge und betrifft auch Gebiete, die bisher unter Schutz standen. Umweltminister Jan Szyszko rechtfertigt dies mit einer Borkenkäferplage. Die Behörden verhinderten damit, dass die Käfer immer mehr Bäume befielen und sie so zerstörten.

Der Borkenkäfer ist ein natürlicher Bewohner vieler Wälder und erfüllt eine wichtige Funktion in deren Ökosystemen. Befällt er geschwächte Bäume, sterben diese in der Regel ab. Totes, verrottendes Holz zersetzt sich außerdem schneller, wenn sich die Käfer darüber hermachen. So helfen sie, Platz für neue Pflanzen zu schaffen. Gesunde Bäume hingegen können sich meist aus eigener Kraft wehren. Sie töten die Käfer mit Harz ab, sobald sich diese in die Rinde bohren, um Eier abzulegen.

Das wissen auch die Aktivisten im Białowieża. "Den Borkenkäfer gibt es schon seit Jahren hier. Der Wald ist damit immer klar gekommen, denn er regeneriert sich selbst", sagt Adam Bohdan. Auch deutsche Umweltorganisationen, darunter der Nabu, der Deutsche Naturschutzring und der WWF, sehen den Wald in Gefahr. "Wir sind sehr beunruhigt über die Holzfällungen in Białowieża, die nicht nur geschützte Tierarten bedrohen, sondern auch ein gemeinsames europäisches Kulturerbe zerstören können", schrieben sie Anfang November in einem offenen Brief an den polnischen Botschafter in Berlin.

Ein Zuhause für Zehntausende Arten

Der Białowieża erstreckt sich auf fast 1.500 Quadratkilometern entlang der Grenze zwischen Polen und Belarus. Mehr als ein Drittel der Waldfläche, rund 600 Quadratkilometer, liegt auf der polnischen Seite. Die Unesco hat den Białowieża zum Weltnaturerbe erklärt, außerdem werden einige Flächen in einem Nationalpark besonders geschützt. Während Belarus seinen Teil des Waldes komplett unter Naturschutz gestellt hat, sind auf polnischem Boden nur 15 Prozent geschützt.

Gerade dank der seltenen Eingriffe durch den Menschen hat sich über Jahrtausende ein diverses Ökosystem im Białowieża entwickelt. Mehr als 20.000 Tierarten sind hier zu Hause, darunter der Wisent, der sonst fast nirgendwo mehr vorkommt. Er gilt als größtes Landsäugetier Europas und findet seit dem 18. Jahrhundert Zuflucht in Polens und Belarus' Urwald. Im Ersten Weltkrieg starb die Art fast aus, nach dem Zweiten Weltkrieg gelangen Auswilderungsversuche und die Bestände erholten sich langsam.

"Diese Maßnahmen, die auch die Entfernung jahrhundertealter Bäume umfassen, stellen eine erhebliche Bedrohung für die Integrität dieses Natura-2000-Gebiets dar", schrieb die EU-Kommission Mitte Juli in einer Mitteilung und verklagte daraufhin Polen vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg. Weiter hieß es in der Mitteilung: "Das Natura-2000-Gebiet bietet Schutz für Arten und Lebensräume, die auf Altholzbestände, einschließlich Totholz, angewiesen sind. Für einige dieser Arten ist der Białowieża-Wald das wichtigste oder das letzte verbleibende Gebiet in Polen." Die Kommission habe festgestellt, dass die Abholzung nicht sicherstelle, dass der Wald erhalten bleibe. Zudem habe die polnische Regierung vor ihrem Beschluss die Konsequenzen nicht umfassend geprüft.