Ganz ehrlich, blicken Sie noch durch bei Glyphosat? Wäre die unendliche Geschichte um den Unkrautvernichter eine TV-Serie, würde man die Drehbuchautoren jetzt feuern. Oder vielleicht befördern, weil sie es geschafft haben, immer abstrusere Wendungen zusammenzuschreiben. Nun wurde – um im Bild zu bleiben – der Trailer für die neue Staffel im Glyphosat-Drama veröffentlicht: Er verspricht weiteren Ärger.

Die erste Folge beginnt an diesem Montagnachmittag, mit der Abstimmung der EU-Länder, das Pflanzengift weitere fünf Jahre in Europa zuzulassen. Ein Auftakt mit wütenden Aktivisten, zerknirschten Landwirten, verunsicherten Verbrauchern und einer empörten deutschen Umweltministerin, die ihrem Kollegen aus dem Agrarministerium Vertrauensbruch vorwirft. Stimmte der doch für die Zulassung, obwohl Enthaltung abgemacht war.

Am besten fangen wir aber an, wie es sich für eine klassische Serie gehört: mit einem Rückblick.

Glyphosat wird Ende der 1970er Jahre zum Wundermittel im Kampf gegen Unkraut. Keine Chemikalie sprühen Landwirte seither häufiger auf ihre Felder. Das Pflanzengift ist einfach, effizient, günstig. Ein lukratives Geschäft für Hersteller und Kunden. Doch nach jahrelangem Einsatz mehren sich Hinweise, das Herbizid schade womöglich Mensch, Tier und Umwelt. Immer neue Gutachten tauchen auf, von Krebsverdacht ist die Rede. Umweltverbände und Aktivisten sind alarmiert, Landwirte fürchten um ihre Existenz. Internationale Behörden streiten sich um die richtige Bewertung. Dann leaken Medien die Monsanto-Papers, es geht um interne Dokumente des milliardenschweren Agrarkonzerns hinter Glyphosat. Der Vorwurf: Wissenschaftler wurden bestochen, Studienergebnisse beschönigt, Bewertungen zugunsten des Pflanzengifts verändert.

Geht die Landwirtschaft ohne Glyphosat unter?

Spätestens jetzt sind auch die Letzten verunsichert. Viele in der Bevölkerung haben Angst, finden sich Glyphosat-Rückstände doch mittlerweile überall – in Pflanzen, Bier und sogar im eigenen Urin. Die EU-Länder geraten unter öffentlichen Druck, sie sollen über die Zukunft von Glyphosat entscheiden. Vor allem Big Player Frankreich schert aus und verkündet schon vor Wochen: Glyphosat wird im eigenen Land verboten (innerhalb der nächsten drei Jahre). In Deutschland streitet sich Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) mit dem Agrarminister Christian Schmidt (CSU). Sie fordert: Weg mit Glyphosat! Er sagt: Erst mal verlängern!

Und damit sind wir bei der verlängerten Bewährungsfrist vom heutigen Montag für das Herbizid, das kaum einer noch so richtig will, einige nicht aufgeben wollen und alle mittlerweile nervt. Höchste Zeit, um aufzuräumen im Drehbuchchaos dieser realen Geschichte. Es lohnt sich, durchzuatmen und diese Fragen zu klären: Wie gefährlich ist der Unkrautvernichter wirklich? Ist er auch Schuld am Insektensterben? Geht die Landwirtschaft ohne ihn unter und ist eine pestizidarme Zukunft möglich?

Ob Glyphosat nun krebserregend ist oder nicht, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Wer klare Antworten finden will, muss sich durch Studien wühlen, die sich anscheinend abwechselnd widersprechen. Mal ist Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend", wie von der renommierten Krebsforschungsagentur IARC festgestellt. Die stuft so aber auch rotes Fleisch, Schichtarbeit und Braten unter hohen Temperaturen ein. Ob damit tatsächlich eine Krebserkrankung ausgelöst wird, darüber sagt die Klassifizierung nichts aus. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) dagegen hat festgestellt, dass die Bevölkerung hierzulande mit derart geringen Mengen Glyphosat in Kontakt kommt, dass eine krebsfördernde Wirkung unwahrscheinlich ist. Die Einschätzungen klingen verschieden, widersprechen sich aber eigentlich nicht.

In die unübersichtliche Studienlage mischen sich Vorwürfe über Manipulation und schlampige Arbeit des BfR. Die Prüfer sollen Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto für einen Bericht für die EU einfach kopiert haben, werfen Umweltschützer dem Institut vor. Sie berufen sich auf das Gutachten eines Sachverständigen für Plagiate, das einer Analyse schlussendlich aber nicht standhielt.