Überschwemmungen, umgestürzte Bäume, Bahnkollaps, Verletzte: Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats hielten vergangenes Wochenende wütende Sturmböen den Norden in Atem. Doch so hart die Folgen heftiger Unwetter viele Bürger treffen: Hierzulande sind notfalls Krankenbetten schnell erreichbar, Züge fahren bald wieder, die Feuerwehr pumpt den Keller leer, die Versicherung zahlt. Deutschland schafft das. 

Das ist nicht überall so: Daran erinnert der Weltrisikobericht, der heute in Berlin vorgestellt wird. Darin erfasst das Bündnis Entwicklung Hilft (BEH), in dem sich mehrere große Hilfsorganisationen zusammengeschlossen haben, seit 2012 alljährlich einen Weltrisikoindex für 171 Länder. Er zeigt auf, wie stark jedes einzelne durch Fluten, Dürren, Stürme oder Erdbeben gefährdet ist.

In diesem sechsten Bericht haben die Initiatoren zum ersten Mal die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre in den Blick genommen und bilanziert: Was hat sich verbessert, wo ist die Lage schlechter geworden? Die Ergebnisse sollten die neuen deutschen Koalitionäre bei ihren Entscheidungen zum Klimaschutz ebenso beherzigen wie die Delegierten der Weltklimakonferenz, die in wenigen Tagen in Bonn beginnt. 

Was tun gegen den Klimawandel?

Die Autoren des BEH-Berichts gehen in ihren Hochrechnungen nicht wie andere Organisationen allein davon aus, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Naturgewalten eine bestimmte Region heimsuchen. Sie verknüpfen diese Kategorie namens "Exposition" mit der "Vulnerabilität" der Gesellschaft, also ihrer Verletzlichkeit. Einerseits wird also nach dem Gefährdungsgrad eines Landes gefragt: Wie viele Menschen sind bedroht und wie intensiv? Aber zugleich bezieht der Weltrisikoindex die Fähigkeit eines Landes ein, sich den Folgen des Klimawandels anzupassen und eine Katastrophe zu bewältigen: Gibt es Frühwarnsysteme und andere vorbeugende Maßnahmen, etwa Agrarberatung, Bauvorschriften, Deiche, Nahrungsmittel- und Medikamentenlager, Aufklärung und Strukturen auf lokaler Ebene? Wie schnell können die Verantwortlichen reagieren? Reichen Hilfskapazitäten und Infrastruktur aus?

Kaum überraschend ist, dass auf den vorderen Plätzen der meistgefährdeten Länder wieder Inselstaaten wie Vanuatu, Tonga und die Philippinen stehen. Ihnen setzen Wirbelstürme und der Anstieg des Meeresspiegels besonders zu. Es folgen Entwicklungsländer wie Bangladesch, Guinea-Bissau und viele arme Nationen in Afrika, denen Geld und effiziente Regierungsstrukturen für die Risikovorbeugung fehlen. Hoch entwickelte Länder sind die Ausnahme; etwa Japan auf Platz 17, das zwar über alle Mittel des Katastrophenschutzes verfügt, aber von Meer umgeben ist und von Taifunen und Tsunamis ebenso wie von Erdbeben und Vulkanausbrüchen bedroht wird. 

Bei der Trendanalyse, die nun mit Unterstützung der Ruhr-Universität Bochum erarbeitet wurde, gibt es eine gute Nachricht – und eine schlechte.

Die gute zuerst: Auf fast allen Kontinenten ist die Verletzlichkeit gesunken, im Durchschnitt um 2,35 Prozentpunkte. Viele Regierungen haben damit begonnen, ihre Länder besser für Naturkatastrophen zu wappnen. Die Autoren des Weltrisikoberichts sehen das nicht nur als Reaktion auf bittere Erfahrungen. Auch das Rahmenabkommen der Vereinten Nationen zur Abwehr von Katastrophenrisiken, das 2015 in Sendai beschlossen wurde, habe als Katalysator einer vorausschauenden Politik gewirkt. Ein Wermutstropfen: Fortschritte haben vor allem die Länder mit mittleren Einkommen gemacht; also jene, denen es wirtschaftlich besser geht. Ausgerechnet die besonders gefährdeten Entwicklungsländer konnten hingegen oft noch wenig erreichen.

Acht der 15 Länder mit dem höchsten Weltrisikoindex befinden sich in Südostasien und Ozeanien

Die schlechte Nachricht: Extremwetterereignisse und Naturkatastrophen haben sich im vergangenen Jahr erneut gehäuft. Sintflutartiger Regen selbst in Berlin; Stürme und Regengüsse in Texas und der Karibik; Hunderte von Toten durch Monsunfluten in Indien, Pakistan und Bangladesch; Dürren in mehreren afrikanischen Ländern; Erdrutsche in China und Sri Lanka. Im Kurzzeitgedächtnis des Fernsehzuschauers sind die einzelnen Ereignisse dieser Jahresbilanz schon fast wieder verblasst. 2016 mussten 3,5-mal mehr Menschen den Folgen solcher Extremwetterdramen entkommen als Krieg und Gewalt. 

Das ist auch eine Folge des Klimawandels, und wenn sich die Atmosphäre noch weiter erwärmt, prophezeien Forscher vielen Regionen eine noch dichtere Katastrophentaktung. Doch je häufiger sie eintreten, desto eher sind auch die besten Bewältigungsstrukturen überfordert – und alle erzielten Vorbeugungserfolge dahin.

Joe Raedle/Getty Images
Klimawandel! Was heißt das?

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Die Erderwärmung bedroht die Welt, aber wie genau? Wir erklären Wetter, Klima und warum der Wandel so gefährlich ist.

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Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

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sagt, warum das ein Problem ist:

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

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Das Wetter

… ist der Zustand der Atmosphäre zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Was ist Wetter, was Klima?

Das Klima

... ist das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, etwa 30 Jahre.

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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Besonders die reichen Länder müssen auch deshalb endlich ernsthaft runter mit den Emissionen: Solche Schlussfolgerungen sind nicht neu, doch erhärten sie sich ein weiteres Mal. Das gilt ähnlich für den Appell an nationale Regierungen und die internationale Gemeinschaft, noch mehr Finanzen, Ideen und Kraft in die Risikovorsorge zu investieren und dabei besonders jenen zu helfen, die das aus eigener Kraft kaum stemmen können. 

Nachdrücklich zeigt der Weltrisikobericht auf, wie absurd die Debatte immer schon war, ob mehr Geld in die Anpassung an den Klimawandel fließen sollte oder in die Anstrengungen, ihn aufzuhalten. Da gibt es kein "Entweder-Oder", sondern nur ein "Und".