ZEIT ONLINE: Jetzt wird verstärkt Jagd auf die Tiere gemacht, weil sie – wie auch das für Tierseuchen zuständige Friedrich-Loeffler-Institut bestätigt – Überträger der für die Landwirtschaft gefährlichen Afrikanischen Schweinepest sind. Wann, wo und wie viele Wildschweine dürfen denn normalerweise gejagt werden?

Von Münchhausen: Für die Bejagung gelten Jagd- und Schonzeiten, die die Bundesländer festlegen. Die jüngeren Tiere – die Frischlinge und Überläufer – dürfen meist ganzjährig bejagt werden. Für die Bachen und Keiler gilt in manchen Bundesländern nur das zweite Halbjahr als Jagdzeit. Im Zuge der Afrikanischen Schweinepest sind fast überall die Beschränkungen aufgehoben worden.

ZEIT ONLINE: Finden Sie das richtig?

Von Münchhausen: Für uns als Deutsche Wildtier Stiftung ist wichtig, dass wir bei allem Jagdeifer den Muttertierschutz beachten, das heißt: Eine Bache, die Junge säugt und führt, darf niemals vor ihren Jungtieren geschossen werden. Ohne die Mutter würden die Frischlinge elendig verrecken. Wie viele Tiere in den Revieren geschossen werden dürfen, ist je nach Region unterschiedlich. Oft gibt es gar keine Begrenzung nach oben, in einzelnen Bundesländern muss sogar ein Mindestabschuss erfüllt werden. Grundsätzlich sollte das Ziel der Jagd sein, einen mit Blick auf die Altersstruktur und das Geschlechterverhältnis ausgeglichenen Wildbestand zu erreichen. Bei Wildschweinen heißt das: Die Jagd muss sich auf Frischlinge und Überläufer konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Weil die Wildschweine diese Schweinepest wirklich so stark verbreiten?

Von Münchhausen: Die Afrikanische Schweinepest, die von Osteuropa langsam Richtung Westen vordringt, erfordert es, die Wildschweinbestände zu reduzieren. Das ist aber kein Grund, völlig kopflos Wildschweine zu jagen. Die Tiere sind in dieser Situation eher Opfer als Täter. Maßgeblicher Überträger der Afrikanischen Schweinepest ist der Mensch, der das Virus über Lebensmittel oder kontaminierte Fahrzeuge verschleppt. Mit Blick auf die Wildschweine rächt sich jetzt, dass die Jäger in den vergangenen Jahrzehnten die Reduktion des Bestandes nicht wirklich ernst genommen haben. Nun greift politischer Aktionismus um sich: keine Schonzeiten mehr, Jagen mit künstlichen Lichtquellen auch zur Nachtzeit, Abschussprämien. Sogar über große Lebendfallen, sogenannte Saufänge wird diskutiert. So etwas hat nicht mehr viel mit Jagd zu tun, sondern ähnelt der Schädlingsbekämpfung.

ZEIT ONLINE: Finden Sie diese Reaktion berechtigt?

Von Münchhausen: Die Jäger müssen die Bestände reduzieren. Dafür sollten wir aber jetzt nicht alles erlauben, was vorher verboten war. Wildschweine lassen sich über gut organisierte, revierübergreifende Bewegungsjagden reduzieren und über einen konsequenten Abschuss der ausgewachsenen, weiblichen Tiere, der Bachen, wenn sie keine Jungen haben. Mit dem Bachenabschuss haben sich Jäger sonst immer schwergetan, da die weiblichen Tiere als Zuwachsträger der Garant dafür waren, dass der Wildschweinbestand hoch bleibt. Fazit: Wir brauchen jetzt nicht nachts mit Scheinwerfern durch die Wälder zu toben, um Wildschweine zu schießen. Es gibt ausreichend Instrumente, um unter Beachtung jagdethischer Grundsätze die Wildschweine zu reduzieren.

ZEIT ONLINE: Schadet dieser Aktionismus nicht auch dem ohnehin schon angeschlagenen Ruf der Tiere? Bachen, die Frischlinge haben, sind dafür berüchtigt, dass sie den Nachwuchs vehement verteidigen. Und es kam zu Angriffen auf Menschen in Parks oder bei Begegnungen im Wald.

Von Münchhausen: Solche Attacken sind sehr unwahrscheinlich. Die Menschen müssen die Tiere nur in Ruhe lassen. Wildschweine sind keine Kuscheltiere: Streicheln und Füttern ist wie bei allen Wildtieren verboten! Wer sich daran hält und den Tieren mit Respekt begegnet, dem passiert auch nichts. Außerdem ist es falsch, Wildschweine nur als Krankheitsüberträger oder als Schädlinge zu betrachten: Sie haben überragende ökologische Funktionen in der Natur: Sie wühlen den Boden um und sorgen für Durchlüftung und als Allesfresser räumen sie auf.

ZEIT ONLINE: Wie sollte man sich verhalten, falls einem ein Wildschwein begegnet?

Von Münchhausen: Stehen bleiben, den Anblick genießen und sich zurückziehen.

ZEIT ONLINE: Ich komme trotzdem nicht darüber hinweg, dass ich – außer in Gattern im Wildpark – noch nie eines gesehen habe. Gibt es Wildschweinsafaris, auf denen man mal eine Rotte beobachten könnte? Und ich fände es schön, wenn die dann nicht gleich vor meinen Augen erschossen würden …

Von Münchhausen: Die Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich vehement dafür ein, dass beispielsweise in unseren Nationalparks Naturfreunde die Möglichkeit bekommen, Wildtiere zu beobachten – ob Rothirsch oder Wildschwein. Das ist dann möglich, wenn man Zonen schafft, wo die Jagd ruht. Haben die Tiere das Gefühl von Sicherheit und finden sie Nahrung, suchen sie diese Zonen bevorzugt auf. Auf Gut Klepelshagen in der Uckermark hat unsere Stiftung dieses Modell umgesetzt und es funktioniert! Rothirsch, Reh oder Wildschwein können dort in freier Wildbahn beobachtet werden.